Veranstaltung im Haus der Demokratie und Menschenrechte mit Artemisa Ljarja (l.) und Sithyneth Ry (2.v.r).


adidas: Der Fall Kambodscha

adidas ist Sponsor der EM und (noch) des DFB. Wir haben uns in unserem „Sponsor-Check“ bereits kritisch mit diesem angeblichen „Vorzeigeunternehmen“ beschäftigt, siehe:

https://www.fairness-united.org/sponsor-checks/adidas/


Das macht ausführlich auch eine sehenswerte Dokumentation der ARD:

https://www.ardmediathek.de/video/marktcheck/adidas-im-check-wie-gut-sind-dfb-trikot-em-ball-und-sambas/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwNjAzMDc


Besonders schwere Vorwürfe gibt es im Fall Kambodscha. Ein Vertreter betroffener Arbeiter:innen dort prangerte bei einem Besuch in Deutschland den Lohnraub eines adidas-Zulieferers dort an. Wir unterstützten seine Veranstaltungen; unseren Bericht dazu siehe unten

Über den Auftritt dieses kambodschanischen Gewerkschaftsvertreters berichtete ausführlich auch der Deutschlandfunk in folgender Sendung:

WM-Sponsor - Vorwürfe gegen Adidas in Kambodscha (deutschlandradio.de)

Lohndiebstahl bei adidas-Zulieferer in Kambodscha

Sportartikel sind ein Milliardengeschäft. Die großen Marken wie adidas, Nike oder Puma lassen aus Kostengründen einen Großteil ihrer Produkte in Südostasien herstellen – unter zumeist prekären Bedingungen für die Arbeiter:innen. Die gezahlten Mindestlöhne reichen bei Weitem nicht aus, die Existenz der Beschäftigten zu sichern. 

Und dann kam 2020 auch noch die Covid-Pandemie: Allein in Kambodscha waren Hunderttausende in der Textilindustrie von Entlassungen, Aussperrungen, Kurzarbeit oder Lohnraub betroffen, davon in den acht Zulieferbetrieben von adidas mehr als 30.000. Sie fordern ausstehende Löhne und Abfindungen in Höhe von 11,7 Millionen US-Dollar ein – bis heute vergebens. Adidas erklärt, das Unternehmen sei dafür nicht zuständig.

Sithyneth Ry, Präsident der Gewerkschaft Independent Trade Union Federation, vertritt die Interessen der Arbeiter:innen von Hulu Garment, einem Betrieb in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, wo auch für adidas genäht wurde. Auch dort warten 500 Beschäftigte seit nunmehr vier Jahren auf die Zahlung von Abfindungen von rund einer Million US-Dollar. 

Auf Einladung der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign – CCC) kam Sithyneth Ry nach Deutschland, um auf der Hauptversammlung von adidas in Fürth am 16. Mai 2024 die Forderungen der ehemaligen Arbeiter:innen von Hulu Garment vorzutragen – ein weiteres Mal ohne Erfolg.

Gesellschaftsspiele e.V. und Fairness United nutzten die Gelegenheit, aus erster Hand mehr über den konkreten Fall zu erfahren, und luden Sithyneth Ry am 21. Mai zu einem Info-Abend ins Haus der Demokratie und Menschenrechte nach Berlin ein. 

Hulu Garment, ein Betrieb in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, der adidas, Amazon, Walmart, Macy՚s und die LT Apparel Group beliefert, suspendierte Anfang März 2020 seine gesamte Belegschaft von 1.020 Beschäftigten, als die Covid-Pandemie die globalen Lieferketten zu treffen begann.

Als sich das Ende der Suspendierung näherte, rief die Unternehmensleitung die Arbeiter:innen am 22. April 2020 zusammen und teilte ihnen mit, dass die Fabrik aufgrund der Pandemie keine Aufträge habe und möglicherweise schließen müsse. Die Unternehmensleitung forderte die Beschäftigten außerdem auf, ein Dokument per Daumenabdruck zu unterschreiben, um das Entgelt für die Aussetzung der Arbeit (nur 40 % des regulären Monatslohns) und den nicht genommenen Jahresurlaub zu erhalten. Wenn sie nicht unterschrieben, so hieß es, könne das Geld nicht überwiesen werden.

Hunderte von Hulu-Garment-Beschäftigten unterschrieben das Dokument an diesem Tag, ohne zu wissen, dass sich unter ihrer Lohnabrechnung ein Vermerk befand, der besagte, dass sie damit kündigten. Am darauffolgenden Tag, als den Arbeiter:innen bewusst geworden war, dass ihr Arbeitgeber sie hinters Licht geführt hatte, indem er sie zur Unterzeichnung von Kündigungsschreiben verleitet hatte, um die Zahlung der ihnen bei einer regulären Entlassung gesetzlich zustehenden Abfindung zu vermeiden, protestierten mehr als 300 von ihnen. Sie forderten ihre Wiedereinstellung und setzten ihre Proteste die ganze Woche über fort. Einen Monat später wurde die Fabrik wiedereröffnet, aber die Hälfte der Belegschaft wurde nie wieder eingestellt. Ihre Forderungen nach Zahlung von Abfindungen (2.000 US-Dollar pro Person) sind bis heute nicht erfüllt worden. 

Für adidas liegt kein rechtliches Fehlverhalten vor; außerdem sei die Zusammenarbeit mit Hulu Garment von vornherein befristet gewesen und bestehe seit August 2020 nicht mehr. Adidas weist daher alle Forderungen der ehemaligen Arbeiter:innen von Hulu Garment entschieden zurück.

Dass das „trickreiche“ oder um es deutlicher zu sagen: betrügerische Verhalten von Hulu Garment kein Einzelfall darstellt, machte Artemisa Ljara von CCC deutlich, die Sithyneth Ry begleitete und einen Überblick über die Situation der knapp 800.000 Arbeiter:innen in der kambodschanischen Textil- und Bekleidungsindustrie gab. In Kambodscha betragen die in diesem Sektor in der Regel gezahlten Mindestlöhne von 200 US-Dollar im Monat nur knapp ein Drittel dessen, was zur Existenzsicherung benötigt wird. 40 Prozent der Beschäftigten haben deshalb einen zweiten Job (zusätzlich zu einer 48-Stunden-Woche plus Überstunden), um über die Runden zu kommen. Meist wird bei den Ausgaben für Lebensmittel gespart, Rücklagen für Notfälle (Krankheit, Arbeitslosigkeit etc.) zu sparen ist nicht möglich. Drei von vier Arbeiter:innen sind verschuldet. Die 2.000 US-Dollar nicht gezahlter Abfindungen pro Person, um die es im Fall Hulu Garment geht, könnten wenigstens die Not dieser Betroffenen ein wenig lindern.

Obwohl die elenden Produktionsbedingungen in der Sportartikelindustrie (nicht nur bei adidas und nicht nur in Kambodscha) seit Langem bekannt sind, stoßen sie hierzulande bisher öffentlich auf wenig Interesse. Dies angesichts der weltweiten Popularität des Sports und seiner Markenhersteller einen Skandal zu nennen wäre wohl nicht übertrieben. 

Der Berliner Info-Abend bildete den Abschluss einer kleinen Speaker՚s Tour von Sithyneth Ry; ähnliche Veranstaltungen hatten zuvor schon in Kooperation mit dem Kurt-Eisner-Verein/Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern in München und Fürth stattgefunden.