Offener Brief an adidas

Die Sportartikelfirma adidas ist einer der Hauptsponsoren für die EM 2024. Das ist problematisch, da angezweifelt wird, dass adidas seine Lieferketten fair gestaltet hat und Menschenrechte eingehalten werden. Es gibt beispielsweise Berichte, dass Arbeiter*innen einiger Zulieferbetriebe wochenlang Überstunden leisten müssen, gesundheitliche Schäden durch mangelnden Arbeits- und Gesundheitsschutz erleiden, Hungerlöhne erhalten, unter zu hoher Arbeitslast arbeiten, weshalb Pausenzeiten oft nicht eingehalten werden, und ihre Jobs verlieren, sobald sie sich gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehren. 

Aus diesem Grund hat die Organisation “WEED e.V. / Sport handelt fair” einen Offenen Brief mit zahlreichen konkreten Forderungen an adidas verfasst. Darin heißt es u.a.: „Zur EM 2024 wünschen wir uns von Ihnen Maßnahmen, mit denen Sie uns zeigen, dass adidas sich ernsthaft auf den Weg macht, Arbeiter*innenrechte und Nachhaltigkeit im gesamten Produktionsprozess umzusetzen.“ Dieser Brief wird von zahlreichen Gruppen unterstützt, beispielsweise dem Forum Fairer Handel, der Romero-Initiative oder dem Eine Welt Netz in NRW. Aus dem Fußball-/Fanbereich unterstützen bisher folgende Gruppen die Initiative: Fairness United, Schalker Fan-Initiative, FC Ente Bagdad, Gesellschaftsspiele e.V. 

Bitte tragt diese wichtige Initiative über eure sozialen Medien weiter. 

Den vollständigen Offenen Brief könnt ihr hier downloaden.

Zeit für eine Zeitenwende?

Zur Europameisterschaft 2024 in Deutschland

Philipp Lahm, Weltmeister-Kapitän von 2014 und Geschäftsführer der DFB Euro GmbH, fand große Worte: „Es ist Zeit für eine Zeitenwende im deutschen Fußball. Und in der Gesellschaft.“ So formulierte er es in einem Gastbeitrag für den „Kicker“ mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Dieses Turnier müsse als „Wendepunkt“ begriffen werden, „für Europa, für die Gesellschaft, für uns alle“. Das Turnier sei „ein Aufruf für Solidarität und Fürsorge sowie für ein Wiedererstarken des europäischen Gedankens. Europa und seine wichtigen Werte wie Demokratie und Freiheit, Vielfalt und Toleranz, Integration und Inklusion sollen dabei gestärkt und gefeiert werden. Denn ein Ausgrenzen ist nicht das Modell des 21. Jahrhunderts in Europa.“

Und wie soll das gehen? Philipp Lahm: „Es braucht in der Gesellschaft – wie auch im Fußball – authentische Führungspersönlichkeiten und Vorbilder, die Menschen zusammenführen und ihnen Orientierung geben.“ Verzweifelt schrieb die BVB-Fanseite „schwatzgelb.de“ dazu: „Herrjemine, gibt es in den Redaktionsstuben des ‚Kickers‘ wirklich niemanden, der den Mut hat, Philipp Lahm zu sagen, was für einen pathetischen Stumpfsinn er da verbreitet? Es geht um Fußball. Um eine Europameisterschaft. Weder löst der Fußball irgendwelche gesellschaftlichen Probleme, noch hat er auch nur annähernd eine gleichartige Relevanz.“

Nostalgie ums „Sommermärchen“

Es ist wohl eher so, dass der Fußball gerne als Bühne für hehre Worte und Sonntagsreden benutzt wird. Das war auch bei der WM 2006 so, dem vielzitierten „Sommermärchen“, als „die Welt zu Gast bei Freunden“ war und dieser Welt demonstriert werden sollte, wie weltoffen, tolerant und liberal es hierzulande zugehe. In der Tat war das Ausland damals begeistert von den „neuen Deutschen“. „Alles in allem sind sie nicht so schlecht“, resümierte die „Times“. Der „Guardian“ attestierte dem Ausrichterland, dass es „in den vergangenen fünf Wochen eine unumkehrbare und grundlegende Veränderung durchgemacht“ habe. Nur die österreichische „Kronenzeitung“ befürchtete, die deutsche Weltoffenheit würde nicht von Dauer sein: „Sie werden statt Freunden zu Gast wieder zu viel Ausländer im Land haben.“ Prophetische Worte.

In Wahrheit war es mit dem „neuen Gesicht“ nicht so arg weit her. Denn nur bunt und weltoffen war das Sommermärchen nicht. In der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ gelangten der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und sein Team zu dem Ergebnis, dass es rund um die WM zu einer Zunahme „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ gekommen sei. Im Osten Deutschland gab es auch 2006 schon „No-Go-Areas“, was aber für den ausländischen Besucher nicht spürbar war. Denn die einzige ostdeutsche Austragungsstadt war das weltoffene Leipzig. 

Aber egal: Der Mythos ums „Sommermärchen“ von 2006 dient als Vorbild und Messlatte für die EM 2024. Auch, um die düsteren Seiten der deutschen Vergangenheit mal wieder ein bisschen zu entsorgen. Beispielsweise ließ sich Nürnbergs Zweite Bürgermeisterin Julia Lehner (CSU) kürzlich bei der Gala der Deutschen Akademie für Fußballkultur in Nürnberg so vernehmen: Sie hoffe, dass man bei der EM 2024 endlich wieder Nationalstolz zeigen könnte, so wie im Sommer 2006. Lehner riet den Anwesenden: „Nicht immer auf das 20. Jahrhundert gucken.“ Sie meinte damit die NS-Zeit und sagte das ausgerechnet auf einer Veranstaltung, bei der unter anderem das aktuelle Engagement von Fangruppen gegen Rassismus und Antisemitismus geehrt wurde. Die waren kurz davor, aus Protest den Saal zu verlassen.

Eine neue Realität

Ein neues „Sommermärchen“, eine „Zeitenwende“ durch die EM – das klingt seltsam überambitioniert und damit unernst. Denn seit 2006 hat sich das Land verändert, Europa ebenfalls, beides nicht zum Guten. Im Sommer 2006 gab es noch keine rechtsextreme Partei im Bundestag, die aktuell in der Wählergunst auf Platz zwei liegt. Europa wirkte noch geeinter und demokratischer als heute. Großbritannien war noch in der EU, in Polen und Ungarn herrschten noch Rechtsstaat und Gewaltenteilung, Italien wurde noch nicht von einer „Postfaschistin“ regiert. Russland hatte noch nicht die Krim besetzt und die Ukraine überfallen. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wurde noch nicht auf deutschen Straßen ausgetragen, Antisemitismus wucherte noch mehr im Verborgenen. Und bis zum Ausbruch der „Flüchtlingskrise“ waren es noch einige Jahre. Inzwischen ertrinken jährlich Tausende von Flüchtlingen an der Außengrenze Europas, während die europäische Einigkeit vor allem in dem Willen besteht, diese Grenzen noch unüberwindbarer, noch tödlicher auszubauen. 

Dass das Europa von damals nicht mehr das Europa von heute ist, deutete sich erstmals bei der EM 2016 an, als russische Hooligans in Marseille englische Bierbäuche verprügelten. Die durchtrainierten Burschen genossen die Unterstützung von Teilen der russischen Politik und des russischen Fußballverbands. Für Igor Lebedew, damals stellvertretender Präsidenten des russischen Parlaments und Mitglied im Vorstand des russischen Fußballverbands, hatten die Hooligans „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“. Lebedew wollte dem Westen vorführen, wie wehrlos, verweichlicht und schwul seine multikulturellen und liberalen Gesellschaften sind. 

Dazu passte auch ein Statement von Vladimir Markin, Leiter der Presseabteilung des einflussreichen Ermittlungskomitees der russischen Föderation, einer mit dem US-amerikanischen FBI vergleichbaren Behörde. Das Problem der französischen Polizisten sei, dass sie überrascht wären, wenn sie auf einen Mann träfen, der so aussieht, wie ein Mann aussehen sollte. Die Polizisten seien einfach zu sehr an schwule Mannsbilder gewöhnt – wegen der vielen Schwulen-Paraden in Frankreich.

Ein Turnier später verhinderte die UEFA, dass beim Spiel Deutschland gegen Ungarn die Münchener Arena in den Farben des Regenbogens erstrahlte – ein Kotau vor dem Partner und Autokraten Viktor Orbán, dessen Politik auf fünf Säulen steht: Nationalismus, christlicher Fundamentalismus (einschließlich Homophobie), Rassismus, Korruption und Fußball. Seit 2016 ist die EM auch ein Spielfeld im Kulturkrieg zwischen antiliberalen Autokraten und den Befürwortern der liberalen Demokratie.

 

Kampfansage statt Sprechblasen

Philipp Lahm sagt zu den gesellschaftlichen Umbrüchen: Die vergangenen Jahre waren „weltweit geprägt von extremen Veränderungen und ständiger Unruhe“. Das ist so richtig wie nichtssagend. „Zusammenhalt statt Selbstüberhöhung“, fordert er als Medizin. Mal abgesehen davon, dass „Selbstüberhöhung“ in Wahrheit zum Markenkern des Profifußballs zählt: Der „Zusammenhalt“, der Fußball in den Stadien scheinbar schafft (jedenfalls unter den Fans eines Vereins), hat mit den gesellschaftlichen Realitäten nichts zu tun. Mit dem Faschisten Björn Höcke, der im Herbst 2024 womöglich neuer Ministerpräsident von Thüringen wird, darf es keinen „Zusammenhalt“ geben. Höcke pöbelt gegen die „dämliche Bewältigungspolitik“ zu Deutschlands NS-Vergangenheit, sein Parteifreund Gauland nannte sie einen „Vogelschiss“. Die Mahnung der freundlichen CSU-Frau Lehner, bei der EM solle man „nicht immer aufs 20. Jahrhundert gucken“, sondern „Nationalstolz“ zeigen, dürfte den AfD’ler aus der Seele sprechen. Das wäre dann der „Zusammenhalt“, den wir heute genau nicht brauchen.

Philipp Lahms Europa gibt es nicht. Was „europäische Werte“ sind, darüber existieren fundamental unterschiedliche Meinungen. Wenn Lahm das Turnier dazu nutzen will, demokratische und liberale Werte hochzuhalten, ist das lobenswert. Nur muss ihm klar sein, dass dies nur Sinn macht, wenn man es als innenpolitische und innereuropäische Kampfansage versteht.