STELLUNGNAHME
Die WM 2026 kann uns mal
Die WM 2026 ist für Fußball-Fans kein Grund zur Freude und zum Feiern.
Zum dritten Mal hintereinander findet das größte internationale Fußballturnier in einem Land mit höchst problematischen politischen Verhältnissen statt. Hauptschauplatz sind die USA, wo seit Donald Trumps Amtsantritt fast täglich die Justiz gemaßregelt, die Meinungsfreiheit bedroht, internationales Völkerrecht missachtet und Migrant:innen terrorisiert werden. Der Wille zur Faschisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist eindeutig.
Die Fußballweltmeisterschaft – ein Fest für Fans aus aller Welt? Nicht in den USA. Fans aus 39 Ländern sind nicht erwünscht, darunter auch solche von qualifizierten WM-Teilnehmern. Ihnen ist die Einreise verboten, alle anderen Fans werden bei der Ankunft bespitzelt und müssen jederzeit mit Festnahme und Abschiebung rechnen, Das betrifft vor allem diejenigen, die zur Queer-Community zählen oder die sich Trump-kritisch geäußert haben. Sogar der ehemalige FIFA-Kommissionspräsident Mark Pieth hat den Fans geraten: „Bleibt weg von den USA!“
In dieser Situation halten wir es für unverantwortlich, dass die WM in den USA stattfindet. Wir können uns nicht am Fußball in den Stadien begeistern, wenn manche prinzipiell nicht dabei sein dürfen und vor den Stadien Jagd auf vermeintlich illegal im Land lebende Menschen gemacht wird.
Würden politischer Anstand und sportliche Fairness gelten, müsste die FIFA den USA die Austragung der WM 2026 entziehen und die Gastgeber auf Kanada und Mexiko beschränken. Da dies vom Autokraten-Freund Gianni Infantino nicht zu erwarten ist, muss die UEFA für ihre Teilnehmerländer eine Absage erteilen. Insbesondere der DFB ist gefragt, sich für eine solche Absage einzusetzen und die deutsche Nationalmannschaft aus dem Turnier zurückzuziehen. Allerdings hält es DFB-Präsident Neuendorf für „völlig verfehlt“, über einen WM-Verzicht auch nur zu diskutieren, und verschanzt sich hinter dem armseligen Argument, die mörderische Politik der Trump-Regierung und ihrer ICE-Schergen sei „sehr schwer zu bewerten“.
Wenn die Institutionen des Fußballs wieder einmal versagen, sind wir Fans gefragt, uns für Fairness, Menschenrechte und Solidarität einzusetzen. Daher pfeifen wir auf das Spektakel, zu dem uns Trump und Infantino einladen. Wie schon bei der WM 2022 in Katar werden wir dem Turnier fernbleiben, sowohl als direkte Zuschauer:innen als auch vor dem Fernseher. Wir werden es als sportliches Event boykottieren, aber nicht schweigen. Wir werden die WM nutzen, um die Zustände in den USA sowie die Doppelmoral von FIFA/DFB zu kritisieren.
#Boycott USA2026 – Love Football – Hate Fascism
Wenn die WM 2026 auch dich/euch mal kann, schreibt uns: [email protected].
Auch uns kann die WM 2026 mal:
Fairness United
FC Ente Bagdad, Mainz
Schalker Fan-Ini e.V., Gelsenkirchen
Gesellschaftsspiele e.V., Berlin
Blau-Weiß statt Braun e.V., Karlsruhe
Der Übersteiger (Fanzine FC St. Pauli)
Fussballerzitate.de
FussballimTV.de
Platzhirsch Düren
Schwarz-Gelbe Essener e.V. (BVB-Fanclub)
Projekt Trauer im Fußball
Freiburger Botschaft zu Stuttgart (Fanclub SC Freiburg)
Dauerbrenner (Fangruppe SV Babelsberg 03)
IVF (Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball), Leipzig
Stuttgarter Junxx, VfB Fanclub
MillernTor
SK13 (Sektion Krönchenstadt 2013) - Sportfreunde Siegen von 1899 e.V.
Fargo, Kiezkneipe in Berlin
Aktion 3. Welt Saar e.V.
QFF - Queer Football Fanclubs
ZUR DISKUSSION
WM 2026, USA – Fans unerwünscht
(Foto: LATIN TIMES) Was wäre Fußball ohne Fans? Nichts, sagen wir als Fans – in unserer typischen Selbstüberschätzung. Aber sicherlich wäre es nicht mehr das Gleiche, das hat die Corona-Pandemie deutlich gezeigt. Und was für ein normales Spiel schon gilt, gilt für ein Turnier noch mehr. Denn da bleiben die Fans der verschiedenen Mannschaften über Wochen in einem Land, treffen sich immer und überall wieder, fachsimpeln und feiern miteinander. Eine Weltmeisterschaft ist nicht nur ein Fest des Fußballs, sondern auch eines der Fans. Oder sollte es sein.
Seit einigen Turnieren scheinen die Fans allerdings eher zum folkloristischen Anhängsel der Weltmeisterschaften degradiert worden zu sein, die bunten Einsprengsel, die sich im Fernsehen so gut machen. Die FIFA hat alles darangesetzt, aus der Weltmeisterschaft ein Hochglanzprodukt zu machen, das sich medial extrem gut verkaufen lässt. Dafür werden die Armen schon vor Turnierbeginn aus dem Umkreis der Stadien entfernt. Und während der Spiele ist alles so teuer, dass man sich ziemlich sicher sein kann, dass keine prolligen, grölenden oder gar betrunkenen Fußballfans durchs Bild laufen. In Katar hat man kurzfristig ein Alkoholverbot rund um die Stadien verhängt, was die FIFA nach kurzem trockenem Schlucken akzeptiert hat. Und damit sich nicht unkontrolliert Menschenmengen bilden, mussten die Fans, die nicht in Katar übernachten konnten (aus finanziellen Gründen oder weil es nicht genügend Hotelbetten gab), binnen 24 Stunden nach Einreise das Land wieder verlassen haben. Um trotzdem schöne Bilder zu bekommen, wurden Fanmärsche organisiert, meistens „Gastarbeiter“ vom indischen Subkontinent, die sonst in Katar nicht viel zu melden haben, aber plötzlich günstige Tickets bekamen. Und dann beispielsweise in Scharen im deutschen Trikot über die Straßen paradierten. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.
In den USA, einem der drei Gastgeberländer der WM 2026, ist man da noch weiter. Die Regierung unter Donald Trump will Menschen aus gewissen Ländern überhaupt nicht im Land sehen, ob arm oder reich, ob Fan oder nicht, spielt keine Rolle. Der Katalog der Unerwünschten umfasst Menschen aus 39 Ländern. Das ist an sich schon derbe genug, für die WM heißt das, dass die Fans der WM-Teilnehmer Haiti, Iran, Elfenbeinküste und Senegal ein Problem haben, ob sie bereits ein Ticket besitzen oder nicht.
Ob Fans aus dem Iran derzeit in die USA reisen wollten, weiß man nicht, rein dürfen sie aber sowieso nicht. Die Mannschaft selbst darf – nach aktuellem Stand – trotz Krieges mit ihrem Betreuerstab einreisen. Ob sie willkommen sind, ist eine andere Sache, ob sie ihre Regierung überhaupt ausreisen lässt, auch.
Auch Leute aus Haiti dürfen generell nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Wie ernst das gemeint ist, mussten Anfang März neun Spieler des jamaikanischen Vizemeisters Mount Pleasant im CONCACAF Champions Cup erfahren. Weil sie haitianischer Abstammung sind, bekamen sie kein Visum für das Viertelfinalspiel ihres Vereins bei Los Angeles Galaxy. Zur WM soll der Mannschaftskader Haitis aber vollständig fahren dürfen.
Während die, die rein wollen, nicht dürfen, müssen die, die schon drin sind, fürchten, rausgeschmissen zu werden. Die Trump-Regierung will 350.000 Haitianer:innen, die in den USA leben und arbeiten, ihren US-Aufenthaltsstatus zum 1. Juli 2026 entziehen, mitten während der WM. Dann müssten die Betroffenen umgehend das Land verlassen. Da erwogen wird, Beamte der Einwanderungsbehörde ICE auch an den Stadioneingängen zu postieren, kann man sich die Jagdszenen auf vermeintlich illegale Menschen schon vorstellen.
Menschen aus dem Senegal und der Elfenbeinküste sind von den neuen Einreisebedingungen ebenfalls betroffen. Zwar gilt für sie kein generelles Einreiseverbot in die USA, da aber Fans in der Regel nicht zu den Geschäftsleuten, sondern zu den Touristen zählen, dürften auch sie nicht auf eine Einreise hoffen.
Vier Teams ohne mitreisende Fans – das wäre schon für sich ein veritabler Skandal und ein Grund, den USA ihre Gastgeberrolle zu entziehen. Aber auch die Fans, die aus anderen Ländern kommen, müssen sich bei der Einreise auf unangenehme Kontrollen einstellen. Die US-Behörden haben das Recht, alle Inhalte auf Laptops und Handy einzusehen, auch wenn diese privater Natur sind. Ach, und nicht zu vergessen: Wer beim Geschlechtseintrag kein dickes Kreuz bei W oder M macht, ist auch nicht willkommen. Noch ein Grund mehr, den USA die WM wegzunehmen. Natürlich nicht für die FIFA, die das alles fröhlich abnickt.
Neben diesen spezifischen US-amerikanischen Konditionen sorgen FIFA und das Umfeld wie gehabt für eine weitere Gentrifizierung des Fußballevents: Abgesehen von einigen wenigen Tickets kostet die günstigste Karte bei einem Gruppenspiel 155 Euro, ab dem Viertelfinale sind es 580 Euro aufwärts. In Miami muss man für den Parkplatz mehr Geld bezahlen als für das Stadionticket, in Boston für die Anreise von der Innenstadt zum Stadion mit der Bahn 75 Dollar. Und generell haben die Hotels in den WM-Städten die Preise während des Turniers im Durchschnitt verdreifacht.
Früher hat man die Fußball-Weltmeisterschaft als ein „Freundschaftsfest der Völker“ bezeichnet. Das ist nicht nur terminologisch antiquiert. Mittlerweile spricht selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung von einer „WM für die Speerspitze der Besserverdienenden“. Eine Entwicklung, die sich bei den letzten Turnieren schon abgezeichnet hat. Neu ist, dass man ganze Fangruppen ausschließt – und eventuell diese Veranstaltung, die eigentlich ein Fest sein sollte, noch als Gelegenheit nutzen will, um am Stadioneingang Leute abzugreifen, die man für illegal erachtet und im Land nicht mehr sehen will. Und die FIFA?
Man sollte nicht nur den USA, sondern auch der FIFA die WM entziehen.
PS: Dass die mexikanische Regierung nach den Gewaltdemonstrationen der Drogenkartelle Ende Februar mehr als 100.000 Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte aufbieten will, um die Spiele in den drei mexikanischen Austragungsorten zu schützen, ist auch nicht eben beruhigend und eine Werbung für ein Fußballfest.
Wer wissen will, woher wir das alles haben, kann über die folgenden Links tiefer in das Thema einsteigen:
Amnesty International warnt vor einem Turnier voller Repressalien – hier der ganze Bericht in englischer Sprache …
… und hier eine Kurzfassung auf Deutsch.
Zum Einreiseverbot haitianischer Spieler ein Bericht auf sportschau.de.
Zur möglichen Ausweisung von 350.000 Haitianern während des Turniers schreibt DER SPIEGEL.
Dazu gibt es eine anwaltliche Einschätzung an dieser Stelle.
Zu Handy- und Laptop-Kontrollen bei der Einreise in die USA informiert die Neue Presse.
Über die Beschwerde der europäischen Verbraucherorganisation Euroconsumers und Football Supporters Europe wegen hoher WM-Ticketpreise berichtet 11Freunde.de.
ZUR DISKUSSION
WM und Irankrieg: Wenn der Gastgeber seinen Gast „auslöschen“ will
(Foto: wdr.de) Seit einigen Wochen führt das WM-Gastgeberland USA Krieg gegen ein Teilnehmerland, den Iran. Es ist durchaus möglich, dass der Kriegszustand – zumindest in latenter Form – noch während des Turniers anhält. Eine absurde Situation.
Was sagt die FIFA dazu?
Die FIFA bzw. Präsident Infantino stehen prinzipiell auf Trumps Seite. Sie hat den US-Präsidenten noch kurz vor Kriegsbeginn mit dem „FIFA-Friedenspreis“ ausgezeichnet und biedert sich bei jeder Gelegenheit an. In der Iran-Frage hält sie sich raus. Iran dürfe natürlich teilnehmen, sagte Infantino. Allerdings hatte Trump die iranische Delegation gewarnt: „Ich halte es wirklich nicht für angemessen, dass sie dort sind, im Hinblick auf ihr eigenes Leben und ihre Sicherheit.“ Infantino schwieg dazu, obwohl laut FIFA-Regeln das Gastgeberland die Sicherheit aller Gäste gewährleisten muss.
Der iranische Verband forderte daraufhin, seine WM-Spiele nach Mexiko zu verlegen. Das hat die FIFA abgelehnt. Es dürfte fraglich sein, ob die Iraner teilnehmen.
Ist der Irankrieg ein Grund, den USA das WM-Turnier zu entziehen?
Es handelt sich ganz offensichtlich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Ein solcher Krieg ist nur erlaubt als Prävention, also um sich selbst gegen einen unmittelbar bevorstehenden Angriff des Gegners zu schützen. Dies war im Fall Iran nicht gegeben. Ein Angriff gegen die USA stand niemals im Raum. Bezüglich Israel ist es etwas anders. Das Regime im Iran hat oft genug erklärt, Israel als Staat auslöschen zu wollen. Die von Iran gesponserte Hisbollah kämpft aktiv in diese Richtung, zudem gab es in der Vergangenheit einige Terroranschläge gegen jüdische Einrichtungen im Ausland, die Iran zugeschrieben wurden. Ein Angriff des Iran direkt auf das Staatsgebiet Israels erfolgte jedoch in der Vergangenheit nur als Reaktion auf Angriffe aus Israel.
Neutrale Beobachter, etwa das vermittelnde Land Oman, sagten kurz vor dem Angriff, die Gespräche zwischen Iran und den USA stünden vor einer Einigung. Es gab jedenfalls keinerlei Anzeichen dafür, dass der Iran einen Angriff plante. Zudem hatten sowohl die USA wie auch Israel nach dem Zwölftagekrieg 2025 erklärt, die militärische Infrastruktur Irans „vernichtend“ getroffen zu haben.
Wenn die USA also ohne Not ein anderes Land angreifen, zumal noch ein WM-Teilnehmerland, können sie nicht zugleich Gastgeber der WM sein (unabhängig von allen anderen Gründen, die dagegen sprechen). Erst recht nicht, wenn sie zudem erklären, sie könnten die Sicherheit der Sportler aus dem Iran nicht gewährleisten.
Ist nicht ein Krieg gegen ein Regime wie im Iran gerechtfertigt?
Zweifellos herrscht im Iran aktuell wohl die brutalste Diktatur der Welt. Zigtausend Demonstrant:innen sollen bei den Protesten Anfang Januar 2026 ermordet worden sein. Auch der Fußball ist betroffen. Spieler:innen unterliegen der Verfolgung durch das Regime. Nationalspielerinnen, die in Australien Asyl erhielten, mussten zurückkehren, weil ihre Familien bedroht wurden. Die FIFA hätte längst den Ausschluss Irans prüfen müssen.
Doch die Grausamkeit des Teheraner Regimes kann den Krieg, so wie ihn die USA und Israel führen, nicht legitimieren. Ein Angriffskrieg muss sich grundsätzlich auf die Regeln des Völkerrechts bzw. ein UN-Mandat stützen und darf nicht ins Belieben des Angreifers gestellt werden. Dieser wird immer Rechtfertigungsgründe finden, siehe Russland gegenüber der Ukraine. Sofern sich der UN-Sicherheitsrat trotz klarer Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht als handlungsunfähig erweist, müsste sich eine humanitäre Intervention zumindest auf eine breite Koalition demokratischer Staaten stützen und das erklärte Ziel verfolgen, Menschenrechte und Demokratie im angegriffenen Land herzustellen.
Doch eine Änderung der politischen Verhältnisse im Iran (im Sinne der Massenproteste) ist gar nicht das Kriegsziel der US-Regierung, sondern vorrangig eine militärische Schwächung. Ein „Regime Change“, wie Trump ihn versteht, hat nichts mit Demokratisierung zu tun. Zwar hatte er der iranischen Opposition bei deren Protesten Hilfe versprochen, doch die Art seiner Kriegsführung spricht dem Hohn. Trump kündigte die Zerstörung der zivilen Infrastruktur an und drohte, er wolle den Iran „in die Steinzeit zurück“ bomben und „seine ganze Zivilisation auslöschen“. Kriegsverbrechen seien das nicht, schließlich ginge es gegen „Tiere“. Sein „Kriegsminister“ Hegseth propagierte für das Agieren der US-Militärs dementsprechend „maximale Tödlichkeit, nicht legales Schwächeln“ und „Gewalt als Effekt, statt politisch korrekt“. Der Regelbruch wird zur Regel, es gilt nicht das Völkerrecht, sondern das Recht des Stärkeren.
Davon ganz abgesehen: Ähnliche militärische Interventionen, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurden, haben fast niemals ihr Ziel erreicht, vielmehr hunderttausende Tote, menschliches Leid und riesige materielle Zerstörungen gebracht, siehe Korea, Vietnam, Afghanistan (gleich zweimal), Irak, Libyen, Ukraine etc. So wird es auch im Fall Iran sein. Es gibt auch aus historischer Sicht schlichtweg keine Rechtfertigung für diesen Angriffskrieg.
Fazit: Keine WM im Trump-Land, keine WM mit der FIFA
Der Krieg ist ein klarer Grund, die USA als Gastgeberland abzulehnen. Die Bestrebungen der Trump-Administration, die US-Gesellschaft in Richtung Faschismus umzukrempeln, kommen natürlich hinzu. Und ebenso auch die drastischen Einreisebeschränkungen für WM-Fans. Auf all diesen Feldern zeigt sich der Wille, bestehende Gesetze, das Völkerrecht und auch die Pflichten als WM-Gastgeber zugunsten eigener Machtinteressen zu missachten.
Dass die FIFA diesem Treiben wohlwollend zusieht, ist ein Skandal. Wieder einmal beweist sie, dass sie das moralische Recht, dieses große internationale Turnier zu veranstalten, längst verloren hat. Und dass der DFB zu all dem kein einziges kritisches Wort findet, ist eine Schande für den deutschen Fußball.
DEBATTENBEITRAG
Die WM 2026 steht vor der Tür – was tun?
Als wir vor fünf Jahren die Kampagne „BoycottQatar 2022“ ins Leben riefen, war einer der Hauptgründe, dass wir keine Lust hatten, einem Fußballspektakel zu applaudieren, das auf den Gräbern migrantischer Arbeiter stattfinden würde. Einige Hundert von ihnen hatten zu diesem Zeitpunkt auf den Baustellen für die Stadien und die WM-Infrastruktur schon ihr Leben gelassen. Für die FIFA als Veranstalter kein Grund, einzugreifen oder gar das Turnier abzusagen. Im Gegenteil. Sie feierte die WM am Ende als die beste aller Zeiten.
Obwohl die Weltmeisterschaft nicht zum ersten Mal in einem Land ausgetragen wurde, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden, so konnte man doch – und ich tat es – insgeheim hoffen, dass sich das nach all den Protesten so schnell nicht wiederholen würde. Weit gefehlt. Kaum waren die WM-Teilnehmer wieder daheim und die letzten Rufe nach Entschädigung für die WM-Opfer wirkungslos in den Wüsten Katars und am FIFA-Sitz in Zürich verhallt, da strickte deren Präsident Gianni Infantino an seinem nächsten Coup: der Vergabe der WM 2034 nach Saudi-Arabien. Mit Erfolg. Zwar mangelte es an kritischen Stimmen und Mahnungen nicht, aber Infantino brachte die Wahl ohne Gegenstimmen im Dezember 2024 über die Bühne. Auch der DFB stimmte zu und bezichtigte die Kritiker, sie wollten keinen Dialog mit dem künftigen Gastgeber führen und seien deshalb für die Fortschreibung der dortigen Menschenrechtsverletzungen mitverantwortlich. So kann man sich auch aus der Verantwortung stehlen.
Eine Hoffnung war also schon am Autokratenfreund Infantino zerschellt. Die nächste Enttäuschungserfahrung ließ nicht lange auf sich warten. Und sie betraf eines der Gastgeberländer der kommenden WM: die USA. Einen Monat zuvor war Donald Trump zum zweiten Mal zum US-Präsidenten gewählt worden. Nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 ließ er keine Zweifel, dass er seine Drohungen aus dem Wahlkampf umsetzen würde. Sofort begann er seinen Feldzug gegen Gleichstellung, gegen Migrant:innen, gegen Andersdenkende mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – und es stehen ihm viele Mittel zur Verfügung. Wer sich ihm in den Weg stellt, den bedroht er mit der Nationalgarde, mit Millionenklagen, mit Gewalt oder mit dem Entzug finanzieller Mittel. Gezielte Maßnahmen gegen Justiz, Medien und Hochschulen richten sich gegen die Gewaltenteilung und schränken die Meinungsfreiheit ein. Zugleich wird die Nationalgarde gegen unbotmäßige Bürgermeister und Gouverneure mobilisiert und die Jagd auf vermeintlich illegale Migrant:innen ausgeweitet, betrieben von einer speziellen paramilitärischen Truppe namens ICE. Es fällt mir schwer, das zu sagen, weil ich es lange nicht wahrhaben wollte: Aber innerhalb des letzten Jahres ist eine Faschisierung der Vereinigten Staaten zu beobachten. Und die brutale Machtpolitik im Innern hat ihren außenpolitischen Gegenpart in der rücksichtslosen Durchsetzung US-amerikanischer Interessen in der Welt.
All dies hat auch Auswirkungen auf die bevorstehende WM. Zwar verkünden Fußballfunktionäre regelmäßig, dass Politik und Sport zwei ganz getrennte Dinge seien und Politik im Fußball nichts verloren habe, aber dann mussten sie sich spätestens von ihrem obersten Funktionär, FIFA-Chef Infantino, eines Besseren belehren lassen. Damit Trumps Enttäuschung darüber, dass er für die Bombardierung des Iran nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat, nicht zu groß ist, hat er ihm einen Friedenspreis gestiftet. Infantino verlieh diesen Preis „im Namen von Milliarden Fußballfans“ und betonte, dies geschehe „für seine außergewöhnlichen Taten zur Förderung von Frieden und Einigkeit in der Welt“. Und DFB-Präsident Bernd Neuendorf? Der fand, dass da nichts gegen spreche. Auch dass „Johnny“ bei allen Möglichkeiten im Gefolge Trumps als Claqueur auftritt, lässt die vermeintliche Politikferne des Sports als Legitimationsfloskel gegen alle ethisch motivierte Kritik erscheinen.
Sollte aufgrund der geschilderten Entwicklung den USA nun der Status als Gastgeber der WM entzogen oder ein Boykott der WM in Betracht gezogen werden? Wir von Fairness United hatten nach der WM in Katar und vor der Vergabe der WM-Turniere 2030 und 2034 eine Liste mit „roten Linien“ erstellt, die FIFA und UEFA bei der Vergabe von internationalen Turnieren berücksichtigen sollten. Darin hieß es recht allgemein, dass ein Gastgeberland grundsätzlich „aktiv Friedenspolitik betreiben, Menschenrechte gewährleisten sowie den Werten von sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und sportlicher Fairness verpflichtet sein“ solle. Unvereinbar sei es deswegen – neben anderem –, wenn „Gastgeberländer Menschenrechte, wie sie in der UN-Menschenrechtscharta verankert sind, systematisch verletzen […], einen völkerrechtswidrigen Krieg führen oder bestimmte Bevölkerungsgruppen gezielt diskriminieren“.
Ob gegen solche Kriterien verstoßen wird, ist im Konkreten nicht immer einfach zu beantworten. Wer etwa denkt, dass in der US-amerikanischen Polizei Rassismus nicht nur weitverbreitet ist, sondern systematisch ausgeübt wird (Black Lives Matter!), der wird sagen, dass die USA niemals – gemeinsam mit Mexiko und Kanada – den Zuschlag für die WM 2026 hätten bekommen dürfen. Auch dass die USA gerade einen völkerrechtswidrigen Krieg führen, kann man nicht sagen, aber vor wenigen Wochen haben sie das mit Venezuela getan und dessen Präsidenten entführt. Und wenn US-Truppen noch vor der WM Grönland besetzen sollten, wird das ebenfalls der Fall sein (und die Androhung ist ja kein Witz). Ziemlich offensichtlich ist die gezielte Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen, denn der Einsatz der ICE richtet sich nicht nur gegen vermeintlich Illegale im Land (die von der Regierung Trump gar nicht als Bevölkerungsgruppe angesehen werden), sondern gegen alle Migrant:innen, die in den USA leben und dem Generalverdacht ausgesetzt werden, kriminell zu sein. Last but not least: Die Regierung hat nun auch schriftlich erklärt, dass Personen aus 39 Ländern in den USA unerwünscht sind – darunter die von zwei WM-Teilnehmern. Deren Mannschaften und die Betreuer, heißt es, dürften schon kommen, aber die Fans eben nicht. Ein Affront, der allein schon ausreichen würde, um die Vergabe rückgängig zu machen.
Den USA den Gastgeberstatus zu entziehen, ihn eventuell den beiden Mitausrichtern Mexiko und Kanada zu übertragen oder die WM ganz abzusagen – all das könnte nur die FIFA. Von ihr ein solches Vorgehen zu erwarten, ist naiv, von ihr das zu fordern, zwar richtig, aber nutz- und sinnlos. Das belegt die jüngere Geschichte. Nun kann man als deutscher Fan auch den DFB adressieren, er solle die Nationalmannschaft zurückziehen, aber da ist die Enttäuschung ebenfalls vorprogrammiert, wie aktuelle Äußerungen Neuendorfs über die Stimmung im Präsidium nahelegen. In den Niederlanden läuft wohl ein entsprechendes Referendum, bei dem bereits mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt worden sind – mal sehen.
Ansonsten bleiben einmal mehr die Fans. Auch da darf man sich im Ganzen nicht zu viel Hoffnung machen. Katar hat gezeigt, dass Menschenrechtsverletzungen für Fans aus den allermeisten Ländern nicht einmal Anlass für eine Diskussion waren. Das wird – solange die USA sich nicht Grönland einverleiben oder Kolumbien angreifen – wohl auch im Sommer so sein. Gleichwohl ist die Resonanz nicht abzuschätzen, die ein Aufruf an die Fans hätte, auch diese WM zu boykottieren. Die Diskussionen über einen Boykott würden sich wahrscheinlich intensivieren. Und schlechte Stimmung haben wir beim letzten Mal schon hingekriegt.
Was mich selbst betrifft: So wie ich bei der WM in Katar keine Lust hatte, als Claqueur ein Fußballfest zu feiern, das auf dem Gräberfeld derjenigen stattfindet, die dieses Fest ermöglicht haben, so wenig will ich im Stadion Fußballmannschaften zujubeln, während vor dem Stadion zur Jagd auf Menschen geblasen wird. Also wieder Boykott, auch wenn ich mich bis vor Kurzem noch auf den Fußballsommer gefreut habe.
Stephan Lahrem
Trump, die WM und eine notwendige Boykottdiskussion
Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hält Diskussionen über einen Boykott der WM in den USA aktuell für unangebracht. „Ich glaube, das ist gar keine große Debatte, weil wir sind – glaube ich – sehr einmütig beim DFB, dass wir diese Debatte zum jetzigen Zeitpunkt für völlig verfehlt halten.“ Wenn er sich da mal nicht täuscht.
Zugleich kritisiert Neuendorf den Vorstoß von DFB-Vizepräsident und St.-Pauli-Clubchef Oke Göttlich, der zuletzt wegen des Verhaltens von Donald Trump mindestens eine Diskussion über den Boykott der Fußball-WM ins Spiel gebracht hatte. Neuendorf: „Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen sozusagen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema“.
In der „Frankfurter Rundschau“ kommentiert Jan Christian Müller, was dabei herauskommen würde, hätte Göttlich zunächst die Gremien aufgesucht, könne man sich unschwer vorstellen: „Das Kollegium würde mit einiger Sicherheit gehörige Anstrengungen unternehmen, den renitenten Göttlich geräuschlos in Reih und Glied einzuordnen. So funktioniert Verbandsarbeit. Gut, dass es anders gekommen ist, gut, dass zumindest einzelne deutsche Fußballfunktionäre noch den Mut haben, öffentlich den Autokraten Donald Trump und Gianni Infantino nicht nur an der kurzen Leine brav bei Fuß zu laufen.“
Was hatte Göttlich gesagt? „Wir verlernen es als Organisationen und Gesellschaft gerade, Tabus und Grenzen zu setzen und Werte zu verteidigen. Tabus sind ein wesentlicher Bestandteil von Haltung. Ist das Tabu erreicht, wenn jemand droht? Ist das Tabu erreicht, wenn jemand angreift? Wenn Menschen sterben? Ich wüsste gern von Donald Trump, wo sein Tabu erreicht ist, und ich wüsste es gern von Bernd Neuendorf und von Gianni Infantino.“ Das wüsste auch ich gerne – nicht von Trump, weniger von Infantino, wohl aber vom DFB-Präsidenten.
Der Kollege Göttlich ist vielleicht noch nicht lange dabei, verfügt aber zumindest über so etwas wie Haltung, während sich Neuendorf zusehends zum Dackel vom Dackel macht – zum Dackel von Trumps Dackel Infantino.
Es ist ja nicht so, dass Bernd Neuendorf eine Alternative zu einem Boykott ins Spiel bringen würde. Es muss ja kein Boykott sein, ich bin diesbezüglich selbst noch unentschlossen. Aber vom DFB-Boss kommt nicht einmal die leiseste Kritik an Trump. Dass in den USA Menschen auf offener Straße von Trumps Revolutionsgarde hingerichtet und anschließend vom Präsidenten verhöhnt werden, ist für Neuendorf kein Thema. Kein Wort zum Rassismus des US-Präsidenten, dessen imperialen Plänen gegenüber Kanada (ebenfalls Austragungsland!) und Dänemark/Grönland, der außergerichtlichen Tötung von Bootsinsassen in der Karibik, dem pauschalen Einreiseverbot von Menschen aus Ländern wie Haiti oder Iran, deren Teams an der WM teilnehmen.
So richtig peinlich wird es, wenn Neuendorf darauf verweist, die Politik von Trump sei für den DFB „sehr schwer zu bewerten, das überlassen wir der Politik“.
Wir haben es also mit einem politisch völlig unbeleckten Mann zu tun, der an Politik nicht interessiert ist, der beim Frühstück stets nur den Sportteil seiner Tageszeitung liest, der komplett überfordert ist, wenn er die Bilder und Nachrichten aus den USA einordnen soll. Zu Donald Trump hat Neuendorf keine Meinung, eine solche zu äußern wäre ja auch Politik. Aber dass ein verurteilter Sexualstraftäter mit dem FIFA-Friedenspreis dekoriert wird, das findet er schon in Ordnung.
Nur mal so: Neuendorf ist Mitglied der SPD, war zunächst Pressesprecher des SPD-Parteivorstands, anschließend Pressesprecher des SPD-Landesverbands NRW, Landesgeschäftsführer der SPD in NRW und schließlich Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes.
Über die Verleihung des FIFA-Friedenspreises schreibt Boris Herrmann in der „Süddeutschen Zeitung“: „Hat sich der Weltfußball jemals schamloser blamiert? Vermutlich nicht. Und sehr wahrscheinlich wird es bis zum Endspiel in New Jersey so weitergehen. Es sei denn, es wehrt sich endlich jemand.“ Aber beim DFB sieht man keinen Anlass, sich zu wehren. Mensch könnte ja mal versuchen, was Jan Christian Müller vorschlägt: Die ob ihrer fußballerischen Qualität und wirtschaftlichen Kraft durchaus mächtigen europäischen WM-Teilnehmer könnten ihre Irritation über Trump-Land, bestenfalls abgestimmt mit ihren Regierungen, laut und deutlich in der Wortwahl zum Ausdruck bringen. Als demokratisches Statement, nicht als Boykottandrohung. Aber: „Stattdessen schleicht man gemeinsam auf Katzenpfoten durch den Weltfußball und demütigt sich somit lieber selbst. Ein wahrer Jammer."
Niemand der Fußball-Oberen müsste befürchten, dass er anschließend verprügelt, verhaftet oder sogar erschossen wird. Jeder US-Bürger, der aktuell auf die Straße geht und sich dem faschistischen Mob entgegenstellt, hat mehr Mumm in den Knochen, hat mehr Rückgrat als unsere Fußballfunktionäre, die nichts, ja wirklich nichts zu befürchten haben. Die Bundesregierung ruft USA-Reisende zur Vorsicht auf – und der DFB?
Vermutlich wird jetzt wieder von der Autonomie des Sports die Rede sein, aber diese wurde von Infantino und seinem Gefolge längst suspendiert. Bei der WM hat nicht die FIFA das Sagen, sondern Trump. Infantino hat die FIFA Autokraten, Diktatoren und Faschisten ausgeliefert. Oke Göttlich: „Es sind nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, die hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben.“
Mag sein, dass Neuendorf und Co. noch immer nicht das Debakel von Katar überwunden haben. Die Konsequenz scheint aber zu sein, die Fehler zu wiederholen.
In unserem Buch „Politik im Spiel – Die andere Geschichte der Nationalmannschaft“ (*) schrieben wir : „Zweifellos hatte zum sportlichen Scheitern beigetragen, dass in die ohnehin nur kurze Vorbereitungszeit politische Themen hineingegrätschten, die die Mannschaft in ihrer ‚multiplen Diversität‘ überforderten, Bruchlinien in ihrem Gefüge erkennen ließen, den Teamgeist und die Konzentration auf den Sport beeinträchtigten. Eine Fußballmannschaft ist ein sehr komplexes Gebilde. Im deutschen WM-Kader standen Oldies wie der 36-jährige Manuel Neuer und Teenager wie der 18-jährige Yousouffa Moukoko. Es trafen sich dort gesellschaftspolitisch hochgradig interessierte und engagierte Spieler wie Leon Goretzka, Spieler mit unterschiedlichem Bildungsniveau, von unterschiedlicher Intelligenz, mit unterschiedlichem sozialem, kulturellem und religiösem Background. Ein dermaßen diverses Konstrukt politisch auf einen Nenner zu bringen, ist nahezu unmöglich. Am ehesten gelingt dies noch beim Thema Rassismus.
(…)
Dass es im Nationalteam manchmal tobt, dass diese Mannschaft auch ein Abbild unserer Gesellschaft und ihrer politischen, sozialen und kulturellen Widersprüche ist, wusste man bereits seit der WM-Teilnahme 2018, die von der Özil/Gündogan/Erdogan-Debatte überschattet wurde.
(…)
Verantwortlich für das WM-Desaster 2022 war hauptsächlich eine Verbandsführung, die das Thema Katar viel zu lange vor sich hergeschoben hatte, die nicht für alle Eventualitäten gewappnet war und somit der Mannschaft auch nicht helfen konnte – nicht vor und nicht während des Turniers. Zwölf Jahre hatte die DFB-Führung Zeit gehabt, eine Strategie in Sachen Katar zu entwickeln. Dass sie hierzu nicht in der Lage war, war wohl auch der heftigen personellen Fluktuation an der Spitze des Verbands geschuldet, die im Zeitraum 2010 bis 2022 viermal wechselte – Interimspräsidenten nicht mitgezählt.“
In der Debatte um die WM in Katar bekamen die Kritiker häufig zu hören: Warum sollen Fußballverbände moralisch einen höheren Standard pflegen als die Regierungen demokratischer Länder, die ebenfalls mit Autokraten und Diktatoren kollaborieren?
Für den „Guardian“-Journalisten Jonathan Wilson, u.a. Autor eines Klassikers über die Taktikgeschichte des Fußballs, muss die Frage anders lauten: „Warum sollen sie das nicht tun?“ Staatskunst sei „zwangsläufig ein schmutziges Geschäft“. Sie könne Kompromisse nicht vermeiden, denn der Staat habe für die Sicherheit seiner Bürger sorgen, und das bedeute, „dass er manchmal mit ziemlich verwerflichen Leuten zusammenarbeitet“. Wenn wir Lebensmittel und Energie haben wollten, wenn Konflikte vermieden und ausreichende Einnahmen erzielt werden sollten, dann müsse man „mit Staaten verhandeln, mit denen wir vielleicht lieber nichts zu tun haben wollen“. Dies sei beim Sport aber nicht der Fall. Sport könne „reiner“ sein, er könne sich „an höhere Ideale“ halten.
Wilson weiter: „Wenn eine Regierung von der Linderung von Leiden spricht, meint sie vielleicht Armut oder Ungerechtigkeit oder jahrelange terroristische Bombardierungen; wenn Fans davon sprechen, meinen sie in der Regel Jahre, in denen sie auf Platz 14 landen.“ Es sei ein „seltsames sprachliches Versagen, dass das Wort Leiden überhaupt für das Gefühl verwendet wird, das durch schlechte Ergebnisse entsteht“. Sein Haus nicht heizen zu können oder sich ducken zu müssen, wenn die Bomber über die Schule fliegen, das sei Leiden. Inhaftiert und gefoltert zu werden, sei Leiden. Doch: „Ein paar Jahre lang keinen Pokal zu gewinnen, ist kein Leid.“
Wenn es lediglich um den Gewinn eines Spiels gehe und nicht um das tägliche Brot, dann „können wir wählen. Wir können nach Trophäen und Ruhm greifen, koste es, was es wolle, und dabei so sehr von Stammesdenken verblendet sein, dass wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Unterdrückung und Elend als unglückliche Begleiterscheinungen des Aufstiegs unseres Fußballvereins ansehen – oder, schlimmer noch, versuchen, sie zu rechtfertigen. Oder wir können innehalten, registrieren, was vor sich geht, akzeptieren, dass unser Verein zu einem Akteur geworden ist, und Nein sagen. Nicht zu diesem Preis. Nicht in meinem Namen.“
Noch einmal Oke Göttlich: „Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden.“
Zum Schluss noch eine Anmerkung zur Boykott-Debatte. Boris Herrmann schreibt: „Eine Sache spricht definitiv gegen einen Boykottaufruf: Er wird nicht zu einem Boykott führen. Natürlich kicken am Ende alle 48 Mannschaften mit. Es muss trotzdem nicht sinnlos sein, solch eine Debatte jetzt laut und deutlich zu führen. Denn damit trifft man Trump an seiner empfindlichsten Stelle. Im Epizentrum seiner Eitelkeit.“
Auch bei Katar 2022 war uns klar, dass es nicht zum Boykott durch den DFB kommen würde. Auch sollte die Kampagne verhindern, dass vor der WM in Sachen Menschenrechtsverletzungen Friedhofsruhe einkehrt. Die Boykott-Kampagne führte zu zahlreichen Protesten in den Stadien und zahllosen Veranstaltungen, auf denen über die FIFA, Katar und die Menschenrechte diskutiert wurde. Sie hat auch jenen das Geschäft schwer gemacht, die dem Regime in Katar und der FIFA Persilscheine ausstellen wollten.
So ein bisschen wiederholt sich die Geschichte. Auch damals kam erst Bewegung in die Sache, als der Ruf nach einem „Boykott“ die Gemeinde aufschreckte.
Dietrich Schulze-Marmeling
(Originaltext erschienen am 28.1.2026 beim Magazin ZEITSPIEL)
(*) Dietrich Schulze-Marmeling / Bernd M. Beyer: Politik im Spiel – Die andere Geschichte der Nationalmannschaft, edition einwurf 2025
Dabei sein ist alles?
Über Trump und die Verzwergung der FIFA
In der „Frankfurter Rundschau“ erschien kürzlich ein sehr lesenswerter Kommentar von Günter Klein zum Verhältnis zwischen Trump und FIFA. Darin heißt es am Ende: „Früher sind Sportgroßereignisse auch schon in Länder vergeben worden, in die sie nicht hingehörten – doch diese haben sich wenigstens im Vorfeld am Riemen gerissen. Von Trumps Amerika ist das nicht zu erwarten.“
So ist es. Trump führt die FIFA vor, demonstriert, dass er die Herren an der Spitze des Verbands für Lappen hält – und dies völlig zu Recht. Trump würde auch nicht davor zurückscheuen, am Tag der Eröffnung des Turniers Kolumbien zu überfallen oder sich Grönland einzuheimsen.
FIFA-Boss Gianni Infantino glaubt ja ernsthaft, er dürfe mit den Big Boys spielen, sei akzeptiertes Mitglied ihrer Gang. Tatsächlich ist er nur der Puschel, mit dem sich die Trumps und Putins dieser Welt den Hintern abwischen. Sie wissen: Dieser Mann fusselt nicht!
Was wir tatsächlich erleben, ist eine Verzwergung der FIFA. Günter Klein: „Die Anbiederungspolitik von Infantino hat der Fifa jede Möglichkeit der Intervention genommen. Der frühere blasse Uefa-Beamte gefällt sich als politischer Welt-Player, 2018 Seite an Seite mit Putin, 2022 mit den Scheichs in Katar – und spürt nicht einmal die Verachtung, die man ihm als willigem Vasallen entgegenbringt. Im Fall der WM 2026 erleben wir Unterwerfung in einer Dimension, die nicht vorstellbar erschien, mit der Verleihung eines Friedenspreises an Donald Trump.“
Unter der Führung von Infantino hat sich die FIFA komplett in die Abhängigkeit von Diktatoren und Autokraten begeben – finanziell wie politisch. Von diesem Verband ist nichts, aber auch gar nichts zu erwarten.
Ein devoter DFB
Dies gilt wohl auch für den DFB und seinen Präsidenten Bernd Neuendorf. Die peinliche Verleihung eines Friedenspreises an Donald Trump – für Neuendorf ist sie kein Anlass für Kritik. Stattdessen hebt der DFB-Chef die Verdienste Trumps um eine Beendigung des Gaza-Krieges hervor. „Wir waren alle gemeinsam froh, als der Konflikt im Nahen Osten beendet wurde, dass hier ein Abkommen unterzeichnet wurde. Das muss man ehrlich sagen, das wäre ohne die USA und ohne den Einsatz des Präsidenten nicht möglich gewesen. Insofern ist es anerkennenswert, was da passiert ist.“
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kommentierte diesen Kniefall: „Aus der Weltmeisterschaft in Qatar hat der DFB Lehren gezogen: Leider die falschen. Sein Präsident erregt schon Monate vor dem Trump-Turnier Besorgnis.“
Dass Trump schon vor der Friedenspreis-Verleihung Dänemark damit drohte, Grönland einzukassieren, notfalls mit militärischen Mitteln; dass Trump die Souveränität von Kanada in Frage stellte, also eines Mitausrichters der WM 2026; dass Trump überhaupt bei jeder Gelegenheit mit militärischer Intervention droht; dass Trump die Ukraine Putin zum Fraß vorwirft; dass Trump den vom saudischen Regime auf bestialische Weise ermordeten Jamal Kashoggi verhöhnt – für Neuendorf bildet all das keinen Grund zur Kritik am FIFA-Friedenspreis und dessen ersten Empfänger. So wenig wie die Jagd auf Menschen, die Trump in den USA veranstaltet, seine krankhafte Rachsucht, sein Rassismus und Sexismus etc.
In seiner Pressekonferenz nach der militärischen Intervention in Venezuela hat Trump angekündigt, einen solchen Überfall überall auf der Welt wiederholen zu können – und dazu auch bereit zu sein. „Friedenspreisträger“ Trump hat nicht nur Infantino vorgeführt und bis auf die Knochen blamiert, sondern auch den devoten DFB-Präsidenten. Auch der DFB, der weltweit größte Einzelsportverband, hat sich verzwergt.
Opportunismus allerorten
Mensch ist versucht zu sagen: Mit ihrem Friedenspreis hat die FIFA Trump in seiner Aggressivität und Kriegslust noch bestätigt: „Diese Lappen werden alles schlucken…“ Das wäre allerdings übertrieben. Denn Lappen sind nun einmal Lappen. Sie zeichnen sich durch einen Mangel an Haltung aus. Die Trumps und Putins dieser Welt wissen, dass man mit ihnen alles anstellen kann, dass diese Menschen alles tun, um vom Diktator oder Autokraten gemocht und beachtet zu werden. Man beachtet sie aber nicht, man verachtet sie. Denn zu mehr reicht es bei solchen Menschen nicht.
Und by the way: Um Demokratie oder Menschenrechte geht es weder im Falle von Maduro / Venezuela noch in Gaza. In Venezuela geht es um Öl und Raubrittertum, in Gaza betrachtet Trump die Hamas als stabilisierenden Faktor und hat null Probleme damit, wenn die Islamisten vermeintliche Kollaborateure und Oppositionelle öffentlich hinrichten. Macht Trumps Kumpel in Saudi-Arabien ja auch.
Noch einmal Günter Klein: „Im Lauf des Wochenendes mit seiner sich stündlich verdichtenden Nachrichtenlage kam natürlich auch die Frage auf: Wird die Fußball-WM in ein paar Monaten mit den USA als Hauptaustragungsland überhaupt noch stattfinden können, so wie die Amerikaner in ihrem Konflikt mit Venezuela auftreten? Greift US-Präsident Trump bis zum WM-Anpfiff nach weiteren Territorien, berauscht er sich an den nächsten militärischen Operationen, die er als nächtliches Entertainment per Livestream verfolgt? Vieles kann passieren – doch dass sich aus Reihen des Fußballs Protest erhebt gegen das imperialistische Gebaren der Vereinigten Staaten, damit sollte man nicht rechnen.“
Woran es dieser Fußball-Gesellschaft eklatant mangelt: Menschen mit Haltung. Vor allem Männer mit Haltung. Stattdessen: Opportunisten wohin mensch auch schaut. Dies gilt auch für nicht unerhebliche Teile des hiesigen Sportjournalismus, wo man dem olympischen Motto frönt: „Dabei sein ist alles!“ Und: „Macht uns bloß nicht die WM kaputt!“
Dietrich Schulze-Marmeling
FAN-INFO
WM 2026: Zutritt verboten
– bzw. nur mit Risiken und Nebenwirkungen möglich
Schikanen gegen USA-Reisende
Dass bei Fußball-Großevents die Anreise der Fans mal mehr, mal weniger kontrolliert wird, ist üblich geworden. Und sofern sich gewaltbereite rechte Hools angesagt haben, gibt es wenig Argumente dagegen, dass ihnen der Eintritt ins Stadion bzw. schon die Einreise ins Land verwehrt wird. Aber das, was sich derzeit in den USA abspielt, ist eine ganz andere Nummer und lässt für die WM 2026 Schlimmes befürchten.
Mit einem Federstrich hat Trump nach seinem Amtsantritt bestimmt, dass Bürgerinnen und Bürgern aus zwölf Staaten pauschal die Einreise in die USA verboten wird. Bei sieben weiteren Staaten, darunter Kuba und Venezuela, gelten starke Einreisebeschränkungen. Teils wird diesen Ländern Unterstützung des Islamismus vorgeworfen wird, teils wird die Einreise von Flüchtlingen befürchtet, so etwa im Fall von Sudan. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte Trump einen ähnlichen „Muslim Ban“ ausgesprochen. Allerdings sind einige Staaten, deren Herrscher islamistischen Terror unterstützen oder selbst ausüben – Katar, Saudi-Arabien, Vereinigte Emirate – davon nicht betroffen, schlicht und einfach, weil sie Verbündete der USA sind.
Zu den Betroffenen gehört dagegen der Iran, dessen Nationalelf sich bereits für die WM 2026 qualifiziert hat. Zwar ist nicht damit zu rechnen, dass die USA Spielern und Betreuern aus dem Iran die Einreise verweigern werden, doch für die Fans sieht das anders aus. Sympathien für das Mullah-Regime im Iran sind sicherlich fehl am Platze. Aber es könnte auch ein Land wie Haiti betroffen sein, dass ebenfalls auf der Liste steht und noch um die WM-Teilnahme mitspielt. Und sowieso: Dass ein Gastgeberland den Fans eines Teams die Einreise pauschal verwehrt, dürfte in der WM-Geschichte bisher einmalig sein – und es ist ein Skandal, dass die FIFA nichts dagegen unternimmt.
62 Tage in Abschiebehaft
Aber auch wer nicht aus den „verbotenen“ Ländern kommt, muss mit Problemen rechnen. Je nach Trumps Stimmungslage wurde in den vergangenen Monaten immer mal wieder Kanadier:innen die Einreise verwehrt. So Jasmine Mooney, die jahrelang mit einem Arbeitsvisum pendeln konnte und nun plötzlich mit fadenscheiniger Begründung festgenommen und zwölf Tage lang inhaftiert wurde. Sie war eines von vielen Opfern des Trump’schen Begehrens, sich das Nachbarland (und WM-Mitveranstalter) Kanada als 51. US-Staat einzuverleiben.
Auch zahlreiche Europäer:innen sind inzwischen von Einreiseverbot oder Abschiebung betroffen, darunter einige Deutsche; manchmal sogar Inhaber:innen von Greencards. Die Begründungen sind meist abenteuerlich. Bekannt wurde der Fall von Fabian Schmidt, einem Elektrotechniker, der seit 2007 in den USA lebte, zusammen mit einer amerikanischen Partnerin und einem achtjährigen Kind. Obwohl seine Greencard frisch erneuert war, wurde er im Frühjahr bei einer Rückreise aus Deutschland festgenommen, in einem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert und nach eigenen Angaben misshandelt. Begründung: der Besitz von 30 Gramm Cannabis – vor zehn Jahren! Das Verfahren dazu war längst abgeschlossen, doch das störte die Behörden nicht.
Tagelang wurde Schmidt der Kontakt zu einem Anwalt oder dem deutschen Konsulat verwehrt. Erst nach 62 Tagen kam es zu einer ersten Anhörung, bei der ein Richter seine sofortige Freilassung anordnete. „Auf Anfrage des WDR übte das Auswärtige Amt scharfe Kritik an der Weigerung der US-Behörden, Fabian Schmidt umgehend konsularische Betreuung zu ermöglichen. Denn der Anspruch darauf ist in dem Wiener Übereinkommen von 1967 völkerrechtlich garantiert.“ Aber nicht in den USA, denn Fabian Schmidt war kein Einzelfall. Unter anderem landeten eine 22-Jährige Studentin aus Baden-Württemberg und auch ein Mann aus Sachsen-Anhalt bei der Anreise nicht in ihrem „Traumland“, sondern im Abschiebeknast, tagelang ohne Kontakt zu irgendwem.
Ist manchmal nicht klar zu erkennen, was die Behörden dabei politisch umtreibt – außer einem MAGA-Wahn und allgemeinem Misstrauen gegen Menschen aus dem Ausland – so gibt es in anderen Fällen klare Motive.
Queer darf nicht rein
Problematisch ist die Einreise beispielsweise für Menschen, die sich als nicht-binär verstehen. Trump hatte angeordnet, dass künftig nur zwei Geschlechter anzuerkennen seien: männlich oder weiblich. Eine Transidentität ist nicht vorgesehen, Trump hält sie für „eine Lüge“, und der Supreme Court hat jetzt den Erlass bestätigt: In Reisepässen und Visa ist das amtliche Geburtsgeschlecht einzutragen. Wer beim Visumsantrag ehrlich ist, wird nicht reingelassen. Und wer doch reinkommt und bei seinem Besuch als „trans“ identifiziert wird, muss trotz gültigem Visum mit Abschiebung rechnen. Das Auswärtige Amt empfiehlt „Reisenden, die den Geschlechtseintrag X innehaben oder deren aktueller Geschlechtseintrag von ihrem Geschlechtseintrag bei Geburt abweicht“ eine vorherige Abklärung bei der US-Botschaft. Super Idee, dort werden sie natürlich einen roten Teppich ausrollen.
Kritisch sind in jedem Fall Solidaritätsbekundungen mit den Palästinenser:innen. Ausländische Studierende, die die israelische Militäraktion im Gaza offen – beispielsweise in den sozialen Medien – kritisierten, wurden in vielen Fällen abgeschoben, auch wenn sie keineswegs mit der Hamas sympathisierten. Bekannt wurde der Fall des Studenten Mahmoud Khalil, Greencard-Inhaber und Absolvent mit Abschluss der Columbia University. Er hatte an einem Protestcamp auf dem Campus teilgenommen und wurde von den Schergen der US-Einwanderungsbehörde ICE festgenommen. Erst nach 104 Tagen in Abschiebehaft kam er auf richterliche Anordnung frei.
Kritik an der israelischen Regierung wird in der Regel mit Antisemitismus gleichgesetzt. Wer sich vor seinem Visumsantrag in den sozialen Medien entsprechend geäußert hat, kann wohl kaum mit einer Einreisegenehmigung rechnen. Aber auch wer drin ist, bleibt gefährdet. Der jüngste Fall: die Abschiebung des britischen Journalisten Sami Hamdi. Er hatte auf einer Vortragsreise das Vorgehen der israelischen Regierung im Gaza kritisiert. Rechte Blogger begannen gegen ihn zu hetzen. Prompt wurde er auf dem Flughafen von San Francisco von ICE-Beamten festgenommen.
Free Speech nur für die eigenen Leute
Natürlich geht es der Trump-Regierung auch darum, Kritik an ihrer eigenen Politik zu unterbinden. Nach der Ermordung des rechtsextremen Aktivisten und Trump-Influencers Charlie Kirk im September 2025 entzog die Regierung sechs Ausländern – darunter einem Deutschen – jeweils das Visum. Sie hatten nicht etwa den Anschlag auf Kirk rechtfertigt, sondern beispielsweise kommentiert, Kirk habe „rassistische, fremdenfeindliche und frauenfeindliche Rhetorik verbreitet“, was ganz offensichtlich stimmt. Aber den US-Behörden reichte die Formulierung aus, um zu behaupten, der Verfasser habe Kirk „den Tod gewünscht“.
Zugleich nutzte Trump Kirks Ermordung zu dem Dekret, „die Antifa“ zur „inländischen Terrororganisation“ zu erklären und zu verbieten. Zwar existiert weder eine organisatorisch greifbare Antifa in den USA, noch gibt es dort den juristischen Begriff „inländische Terrororganisation“. Umso besser – gerade deshalb können die Behörden nun beliebig gegen linke Oppositionelle vorgehen. Und eine entsprechende Pogrom-Stimmung verbreiten: Der Historiker Mark Bray, der 2017 ein Buch über antifaschistische Strömungen in den USA geschrieben hatte, wurde jetzt von Trump-Anhängern so heftig bedroht, dass er mit seiner Familie nach Europa floh.
„Free Speech“, die von Trump und Konsorten immer proklamiert wird, gilt in Wahrheit allein für seine Anhänger. In vielen repressiven Maßnahmen gegen die US-Medien beweist die Regierung fast täglich aufs Neue, dass sie echte Meinungsfreiheit abschaffen und kritische Stimmen mundtot machen will. Im Ausland kann sie solche Kritik nicht verhindern oder maßregeln. Aber sie kann in Big-Brother-Manier verfolgen, wer da wo und was von sich gibt. Alle, die einen US-Trip planen, ob zur WM oder aus anderen Gründen, sollten daran denken.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) jedenfalls hat „ernste Bedenken“ und sieht die Sicherheit von Fans und Journalist:innen bei dieser WM keineswegs gewährleistet. Infantino solle „seinem guten Freund Donald Trump“ entsprechende Garantieren abhandeln. Anderenfalls, so HRW, solle die FIFA „ihre Entscheidung über die Austragung überdenken“.
Was die Fans und Besucher noch so erwarten können, hat Bill, ein in den USA lebender Deutscher, in diesem Video auf YouTube zusammengefasst.
INTERVIEW
„Dagegen gilt es, die Stimme zu erheben“
Interview mit Thomas Kessen, Unsere Kurve
Thomas, die Kampagne #BoycottQatar2022 kennst du ja gut. Hast du vor unserem Kontakt schon von Fairness United/ #USA2026 gehört?
Ja und nein. Ich persönlich habe „Boycott Qatar 2022“ intensiv verfolgt und so auch die Weiterentwicklung zu „Fairness United / #USA2026“ begleitet.
Falls nicht: Wir haben eine Website, beschicken Facebook/ Instagram und Bluesky. Gibts zu aktiven Fans bessere Kanäle?
Der beste Kanal in jede Fanszene dürfte der persönliche Kontakt sein.
Bei der WM in Qatar fingen die Proteste in den Stadien ein paar Wochen vor Anpfiff an und steigerten sich dann. Natürlich sind die Situationen nicht vergleichbar – aber bei den USA kommt vermutlich dazu, dass viele zum Land eine Beziehung haben. Meinst du, es gibt wieder ordentlich Krach gegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen?
Ich persönlich sehe nicht, dass es ein relevanter Punkt wäre, dass mehr Menschen eine Beziehung zu den USA als zu Qatar haben. Tatsächlich betrachtet das Gros der aktiven Fans das „große Ganze“, und da ist es irrelevant, wenn man vielleicht mal Urlaub in New York oder Work&Travel in Texas gemacht hat – offensichtlich werden mittlerweile elementare Menschenrechte verletzt und dagegen gilt es, die Stimmen zu erheben.
Der DFB hat sich erneut meinungsschwach gezeigt. Wäre eine Absage des Nationalteams in unseren Strukturen überhaupt denkbar?
Technisch denkbar ist dies sicherlich, denn formal kann der DFB einfach seine Meldung zurückziehen. Aber natürlich spielen viele politische Ebenen in diese Frage hinein. Und selbst innerhalb weniger Tage können so viele neue Begebenheiten dieser erratischen Regierung auftreten, die es unglaublich schwer machen, eine zu allen Seiten sinnvolle, nachvollziehbare Entscheidung zu treffen. (Stand: 20.01.2026)
Und unabhängig von dem unseligen Turnier: Ist das politische Engagement der Kurven (eingedenk ihrer Vielfalt) über die eigenen Belange hinaus gesunken?
Nein. Aber es gibt (leider) auch noch viele andere Themen, die die Kurven bearbeiten (müssen), und da rückt die globale Weltpolitik und ihre Ausstrahlungen auf den Fußball doch zeitweise in den Hintergrund.
Ist die FIFA so rettungslos verloren, dass wir nicht mehr drüber reden müssen?
Ja.
„Trumps Werte sind total faschistisch“
Interview mit Andrei S. Markovits zur politischen Entwicklung und der WM 2026 in den USA
Andrei Markovits, Jahrgang 1948, ist ein prominenter US-amerikanischer Politikwissenschaftler mit jüdisch-europäischen Wurzeln. Er lehrte an mehreren Universitäten in den USA und in Deutschland, zuletzt an der University of Michigan, und erhielt verschiedene Wissenschaftspreise sowie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. 2023 ernannte die Uni Dortmund den großen „Soccer“-Fan zum „Fußball-Professor“.
Zunächst die Frage: Wie schätzt du die gegenwärtige Entwicklung in den USA ein? Was müssen wir bis zum Turnierbeginn, also in den kommenden 13 bis 14 Monaten noch erwarten? Wird das Turnier im Sommer 2026 in einem Land angepfiffen, das nicht mehr länger eine liberale Demokratie ist, sondern eine Autokratie oder Oligarchie?
Andy: Das Wort „Oligarchie“ wird total missbraucht. Jede moderne Organisation ist eine Oligarchie, weil sie von einer kleinen Zahl von Leuten geleitet wird. Liberale Demokratien sind auch Oligarchien. Robert Michels hat in seiner bahnbrechenden Studie von vor circa 110 Jahren richtig festgestellt, dass JEDE Art des Regierens in der modernen Welt oligarchisch ist. Siemens ist oligarchisch, die Unversity of Michigan ist oligarchisch, auch jeder deutsche Bundesliga Verein ist oligarchisch, auch wenn sich die Deutschen so sehr auf die vermeintliche Demokratie ihres Fanseins im Fußball berufen und einbilden.
Oligarchie ist ein Modus der organisatorischen Existenz, nichts Weiteres.
Ich würde sogar weitergehen und mit Michels und anderen argumentieren, dass je mehr Demokratie man hat, desto mehr man oligarchische Organisationsformierungen braucht um die Anzahl der legitim vertretenenen Menschen zu erfassen und effektiv ihre Wünsche zur Geltung zu bringen.
Autokratie ist was total Anderes. Das ist das Gegenteil einer liberalen Demokratie. Autokratie ist ein Inhalt, während Oligarchie ein Modus ist.
Und wir in den USA sind auf dem Wege zu einer Autokratie. Wir sind noch nicht dort, aber auf dem Weg. Ganz, ganz schlimm! Ich hätte mir niemals gedacht, dass ich Zeuge einer Entwicklung würde, die dabei ist, 249 Jahre Demokratie (egal mit welch eklatanten Fehlern und Mängeln) systematisch zu demontieren. Ich bin noch immer ziemlich sicher, dass es letztendlich zu keiner vollen Autokratie, geschweige denn zu einem vollen Faschismus, bei uns kommen wird, aber der bereits eingeschrittene Weg ist übel genug!
Bei uns wird kontrovers diskutiert, ob man Trump als Faschisten bezeichnen kann, wie es etwa Jason Stanley tut. Laut Stanley befinden sich die USA in einer „faschistischen Dynamik“. Diese sei schon sehr weit fortgeschritten. Stanley: „Die Kultur der Lüge, die Dämonisierung von Gegnern, das Verbot von Komplexität, die Rückkehr der völkischen Rhetorik, der Angriff auf autonome Institutionen – all das ist da.“ Wie siehst du diese Diskussion?
Andy: Stanley hat vollkommen recht mit seiner Feststellung. Ich würde Donald Trumps Werte als total faschistisch bezeichnen. Er liebt nur Stärke, hasst Schwäche, ergötzt sich an Macht, liebt das Pompöse, ist rachsüchtig, fordert von allen Beamten und Untergebenen hundertprozentige Loyalität, deren eventuelle Abweichung er streng bestraft. Durch und durch ein Diktator von Kopf bis Fuß. Wenn man sich die Unterwürfigkeit seiner Kabinettsmitglieder in ihrer Lobhudelei auf Trump anhört, wird einem schlecht, oder man muss in einen Lachkrampf ausbrechen! Ob das heutige Phänomen Trumpismus faschistich ist, mag ich zu bezweifeln, da es noch wichtige oppositionelle Einrichtungen und Bewegungen gibt. Aber, dass Trump in seinem Idealfall ein System haben wollte, das faschistisch wäre, ist ohne Zweifel richtig.
Auf was muss sich der zur WM in die USA einreisende Fan einstellen? (beispielsweise: Abweisung bei der Einreise etc.)
Andy: Das weiß ich nicht! Ich bin mir aber sicher, dass die Fans europäischer Mannschaften keine große Sorgen haben werden, in die USA zu fahren und sich hier wohlzufühlen.
Oliver Bierhoff, Ex-Manager der deutschen Nationalelf, begrüßte die Wahl von Donald Trump. Bierhoff: „Ich bin sicher, dass sich Trump und Amerika als Top-Sportnation bei der WM 2026 und Olympia 2028, aber auch schon bei der Klub-WM im nächsten Jahr darstellen wollen und werden.“ Trump werde „die großen internationalen Sportbühnen, auf die die ganze Welt schauen wird, für die USA und sich persönlich nutzen wollen. Insofern sind das gute Voraussetzungen für die Großevents.“ Dieser Logik folgend sind größenwahnsinnige Staatsmänner ideale Veranstalter von großen Sportevents.
Auch Infantino ist begeisterter Trumpist.
Gibt es so etwas wie eine Seelenverwandtschaft zwischen Funktionären großer Sportorganisationen und Autokraten/Oligarchen/Diktatoren? Muss man vielleicht sogar sagen, dass internationale Sportorganisationen wie die FIFA oder das IOC antidemokratische Entwicklungen fördern, bis hin zum Faschismus? Schließlich hat Infantino etwas geschafft, wovon Trump träumt: jegliche Opposition gefügig zu machen.
Andy: Siehe meine Ausführungen zur Oligarchie. Ich hatte keine Ahnung, dass Oliver Bierhoff Trump begrüßte, aber wundern tut es mich überhaupt nicht. Und es wundert mich auch nicht, dass Infantino ein Trump-Anhänger ist. Leiter solcher Organisationen – Oligarchen eben, per definitionem – lieben Seelenverwandte, die auch gerne so ungehindert als nur möglich regieren wollen. Man will als CEO, egal welcher großen Organisation, so wenig Opposition als nur möglich in seiner Handlungstätigkeit haben und so viel Willkür in seiner Macht ausüben als irgendwie machbar. Das ist eben die Logik jeglicher oligarchischen Struktur. Da muss man kein besonders übler Mensch sein, da muss man keine faschistischen Werte der Machtgeilheit und der Anhimmelung der Stärke haben, man muss da kein schlechter Mensch sein, um Affinitäten mit anderen Organisationsmächtigen zu haben.
Bitte vorsichtig sein mit FIFA und IOC und Förderung von Faschismus! Die wollen einen so problemlosen Ablauf ihrer Show haben, als nur möglich! Eben einer Show! Mit null Gegenstimmen, mit null Einwänden, mit null Problemen. Das garantieren eben Diktaturen wie Russland und Katar und Nazi-Deutschland besser und leichter als liberale Demokratien. Aber das heißt nicht, dass IOC und FIFA faschistisch sind! Wenn Kamala Harris Präsidentin wäre, wäre Infantino genauso happy und bedacht, eine großartige Show abzuziehen. Diese Organisationen brauchen Ordnung und so wenig Gegenwind als nur möglich. Das macht sie per definitionem autoritär, aber nicht faschistisch!
Trump ist nicht Hitler – trotzdem werden hier Vergleiche mit den Olympischen Spielen von 1936 gezogen: Ein sportliches Event als politische Propagandashow. Wie legitim ist ein solcher Vergleich?
Andy: Bitte, bitte aufhören mit den dauernden Hitler-Vergleichen! Und mit den Olympischen Spielen 1936! Jede Fußball-WM oder Cricket-WM oder Rugby -WM oder Olympiade ist eine Propaganda-Show! Bitte immer daran denken, dass die Fußball- WM 2026 genauso geplant und gebaut würde, hätte Kamala Harris das Weiße Haus bewohnt. Trump und die Lage sind schlimm genug, bar solcher Analogien und Vergleiche!
Für Trump ist der Sport eine Arena, um auch dort den Kulturkampf auszutragen. Trump ist kein Fußballfan, erscheint mit dem Spiel eher zu fremdeln. Als jemand, der sich in allen Spielen: Football, Baseball, Soccer, Rugby, Basketball etc. bestens auskennt, frage ich dich: In welchem Ausmaß lässt sich der „europäische“ Soccer in den Trump‘schen Kulturkampf einbetten? Oder ist es egal, welches Spiel es ist?
Andy: Das ist eine sehr interessante Frage, zu der ich Folgendes sehr hypothetisch sagen möchte, da ich einfach die Dinge vor Ort nicht kenne: Da Trump der Volkstribun von JOE SIXPACK ist, also von dem ihn anhimmelnden männlichen weißen Arbeiter, der für „soccer“ nichts übrig hat, außer einer totalen Verachtung als ein „Sissysport“ für Frauen und Schwule und Fremde, würde man meinen, dass – wie du mit deiner Frage annimmst – Trump da ein Leckerbissen in seinem Kulturkampf gegen Eliten und Kosmopoliten und eben gegen alle, die er verachtet und hasst, auf ein Tablett geliefert bekommt.
Aber, Trump ist auch ein absolut brillanter Showman und er weiß, oder besser gesagt, er spürt, welch eine Show die Fußball-WM ist. Die will er nicht runtermachen, weil er weiß, dass er dies nicht kann. Deswegen glaube ich nicht, dass er den europäischen „soccer“ gegen die für ihn einzig echten Sportarten des Football, Basketball, Baseball und Hockey ins Spiel bringen wird. Und sein Machotum hat er für Joe Sixpack schon wiederholt mit seiner Liebe zu MMA und der WWE voll demonstriert, in dem er bei diesem sogar in den Ring stieg und bei jenem des Öfteren im Publikum, auch als Präsident, erschien. Mit Linda McMahon, der Mitbesitzerin und Gründerin von WWE, sitzt sogar eine wichtige Repraesentantin dieser Welt als Bildungsministerin in seinem Kabinet.
Die USA sind nicht alleiniger Ausrichter des Turniers, auch wenn Trump manchmal so tut. Welchen Einfluss wird die Entwicklung des Verhältnisses zu Mexiko und Kanada auf das Turnier nehmen?
Andy: Ich glaube nicht, dass es zu irgendwelchen spürbaren negativen Maßnahmen mit Kanada und Mexiko während des Turniers kommen wird. Da gab es nichts während der Nations Cup im Fußball vor ein paar Wochen in Los Angeles und es gab auch nichts bei dem Four Nation Turnier der NHL davor, außer dem Ausbuhen der amerikanischen Hymne im Bell Centre in Montreal beim Spiel Kanada gegen USA. Drei Tage später in Boston, wurde dann beim Retourspiel die kanadische Hymne ausgebuht, aber in einer geringeren Lautstärke als davor in Montreal.
Nehmen wir mal an, du müsstest den DFB bezüglich des Turniers briefen und im Umgang mit Trump, der gegenwärtigen Entwicklung in den USA, dem Turnier beraten? Was würdest du dem Verband empfehlen?
Andy: Das ist wohl ein Witz als Frage! Ich bräuchte zwei Stunden, um in die gegenwärtige Lage in den USA einzuführen, geschweige denn zu erklären. Und sie hat auch für den DFB null Bedeutung!
Auch Trump hat für den DFB keine Bedeutung, sorry! Wie gesagt: Der DFB würde – oder sollte – sich genauso verhalten, wäre Frau Harris Präsidentin! Es kommen deutsche Fußballer zu dem wichtigsten Turnier ihres Metiers, das dieses Mal zufällig auch in den USA ausgetragen wird, nach Nordamerika. Es sind nicht deutsche Sozialwissenschaftler, die zu einer Tagung und/oder zur Erforschung der Politik der USA hierher kommen.
Gibt es angesichts der Tatsache, dass Trump die WM für seine MAGA-Propaganda nutzen will, für den fußballbegeisterten US-Bürger Andy Markovits überhaupt noch Raum für Freude auf das Turnier?
Andy: Voll und ganz von wegen Freude! Das sind zwei Paar völlig andere Schuhe, um bei dem Fuß zu bleiben. Im Gegenteil: Seit Trump wurde der Sport für mich mein einziger Ort der Rettung vor diesem Irrsin, den Trump tagtäglich uns vorführt. Ich schaue nur ESPN, bin TOTAL in der Welt der NBA, der MLB, der NHL verkrochen und finde da meine Muße und Ruhe und Freude und auch gleichgesinnte Freunde. Die Premier League würde mir auch noch so einen Zufluchtsort gönnen, wäre mein geliebtes Man United nicht so erbärmlich schlecht. Ich freue mich total auf die Fußball-WM 2026, die wohl eine der allerletzten meines Lebens sein wird und der ich, wie schon ihren Vorgängern 1966, 1974, 1982, 1990, 1994 und 2006 persönlich beiwohnen werde!
Wie geht es weiter? Wie willst du den Diskussionsprozess aufrechterhalten und welche Rolle soll der Verein hierbei spielen?
Das Fanprojekt Düsseldorf hatte bereits eine Veranstaltung zu dem Thema Katar Anfang Oktober, bei der ich etwas zu dem Entstehungsprozess des Papiers erzählen konnte. So eine Art Veranstaltung sollte es eigentlich Mitte November in Zusammenarbeit mit dem Verein geben, die aber leider sehr kurzfristig vom Verein uns gegenüber abgesagt worden ist. Über die Art und Weise habe ich mich schon ziemlich geärgert, denn bei dieser Runde sollte eine lokale Amnesty-Vertretung anwesend sein, um an der Diskussion teilzunehmen. Darüber war ich sehr glücklich und hoffe, dass der Vorstand das jetzt nicht verbockt hat. Auch wenn Amnesty nicht den Boykottgedanken unterstützt, würden wir so das Thema wesentlich breiter aufstellen können. Ich sähe das als einen weiteren Schritt. Es wird sich zeigen, ob der Verein Fortuna Düsseldorf das alles wirklich ernst nimmt.
Nebenher versuche ich mit meiner Seite Fortuna Brötchen, die Geschichte voranzutreiben. Aktuell habe ich angefangen, mein Banner mit kritischer Botschaft zur WM in Katar in den Stadien zu platzieren. Sehr spannende Sache, weil es Aufmerksamkeit weckt. Natürlich bin ich auch weiterhin aktiv bei #BoycottQatar2022.
Das Interview führte Michael Bolten.
(Michael Bolten unterstützt nicht nur #BoycottQatar2022, sondern ist auch aktives Vereinsmitglied beim Zentrum für Menschenrechte und Sport e.V.
Transparenzhinweis: Michael Bolten hat am Positionspapier mitgearbeitet.)
DOKUMENTATION
Infantino küsst den Ring des Autokraten
Oliver Bierhoff, Ex-Manager der DFB-Elf, findet Donald Trump super. Dass Trump ein Faschist und Rassist ist: geschenkt. Dass Trump sportliche Großereignisse politisch instrumentalisiert, um seine Macht und die Kraft seines Faschismus‘ zu demonstrieren: kein Problem – im Gegenteil!
Bierhoff sagte nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten: „Ich bin sicher, dass sich Trump und Amerika als Top-Sportnation bei der WM 2026 und Olympia 2028, aber auch schon bei der Klub-WM im nächsten Jahr darstellen wollen und werden.“ Trump werde „die großen internationalen Sportbühnen, auf die die ganze Welt schauen wird, für die USA und sich persönlich nutzen wollen. Insofern sind das gute Voraussetzungen für die Großevents.“
Dieser Logik folgend, kann man auch Adolf Hitler als Segen für den großen Sport preisen. Sowie – einige Nummern kleiner – Putin, Xi Jinping, den Emir von Katar, Recep Erdogan, nicht zu vergessen den Schlächter von Riad: Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, Gastgeber der WM 2034.
Laut dem Faschismusforscher Jason Stanley befinden sich die USA in einer faschistischen Dynamik. Stanley: „Die Kultur der Lüge, die Dämonisierung von Gegnern, das Verbot von Komplexität, die Rückkehr der völkischen Rhetorik, der Angriff auf autonome Institutionen – all das ist da.“ Infantino und Co. wollen an dieser Dynamik partizipieren.
Während nach der Wahl Trumps weltweit Demokraten in Schockstarre verharrten, waren Bierhoff und FIFA-Boss Gianni Infantino einfach nur begeistert. Dass nicht Kamala Harris die Wahl in den USA gewann, sondern Donald Trump, war gut für Infantino und Co.: Denn Kamala Harris hätte das Turnier nicht so groß gemacht, wie Trump es groß machen will.
Seelenverwandte
Dass Sportfunktionäre und Autokraten/Oligarchen/Diktatoren Seelenverwandte sind, das wissen wir spätestens seit den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland. So bitter diese Erkenntnis auch ist: Autokratische und faschistische Regime sind Wunschpartner für den ganz großen Sport.
Manchmal gewinnt man den Eindruck: Funktionäre wie Gianni Infantino stellen sich nicht nur einfach in den Dienst von faschistischen und autokratischen Regimen, was ja schon schlimm genug wäre – nein, sie fördern diese und ihre autoritäre Gedankenwelt auch noch aktiv. Die FIFA-Spitze schreit geradezu nach Faschismus. Und nach Männern, die Demokratie verachten, die rechtsstaatliche Hürden bei der Organisation des Events rücksichtlos beiseite räumen, auch unter Anwendung von Gewalt. Nach Männern, die sich und ihr Regime im Glanz des Spiels sonnen möchten. Ob 2018, 2022 oder jetzt 2026: Vor jeder WM verspricht Infantino das größte Turnier aller Zeiten. Der Sport ist damit nicht gemeint.
„Du wolltest die WM dort haben, ich wollte die WM dort haben“, sagte Trump 2020 auf dem Wirtschaftsforum in Davos zu Infantino gewandt – der FIFA-Boss sollte sich eigentlich beim Bewerbungsverfahren neutral verhalten. Aber die Versuchung des Trumpismus war einfach zu groß. In seiner Rede in Davos schmalzte Infantino, der US-Präsident sei „definitiv ein Sportler“, der „aus dem gleichen Holz geschnitzt“ sei wie „die talentiertesten Fußballer“. Trump mache „den amerikanischen Traum wahr“. Und das sei „etwas, was wir alle haben müssen“. Der „stern“ kommentierte die Peinlichkeit: „Je länger seine Ausführungen dauerten, desto mehr salbende Worte fand Infantino für den US-Präsidenten.“
„Der Sportkomplex ist eine politische Supermacht“, schreibt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Eine politische Supermacht, „die derzeit eindeutig nicht auf Seiten der Demokratie steht“. Sondern sich mit ihren Gegnern gemein macht.
Allerdings: Im Vergleich mit Trump ist Infantino eine kleine Nummer. Schon in Katar hat sich gezeigt: Die Regie führen die Autokraten – da kann Infantino noch so häufig betonen, dass er nicht fusselt, wenn man sich mit ihm das Gesäß abwischt. Trump hat die WM zur Chefsache erklärt, und mit „Chef“ meint er nicht Infantino. So hat der Präsident eine WM-Task-Force ins Leben gerufen, deren Arbeitsstab würde er persönlich vorstehen. In der Auftragsbeschreibung werden die Mitausrichter Kanada und Mexiko nicht einmal erwähnt. Ein Einspruch der FIFA ist nicht überliefert.
Noch einmal Jason Stanley: „In der Literatur über Faschismus – bei Hannah Arendt, bei Horkheimer und Adorno – taucht immer wieder das Bild des faschistischen Führers als Gangsterboss auf. Genau das sehen wir: Man verlangt Unterwerfung, Loyalitätsbeweise. Die Institutionen sollen den Ring küssen. Wer sich weigert, wird öffentlich gedemütigt. Oder inhaftiert.“ Bei Trumps Inauguration war auch Infantino dabei, von Trump herablassend „Johnny“ genannt. „Johnny“ beließ es nicht beim Küssen – er knutschte den Ring: „Was für eine Ehre, was für ein Privileg: Bei seiner Siegesfeier hat Präsident Donald J. Trump die FIFA und mich erwähnt…“ Geht es noch devoter?
Trump braucht kein Sportswashing
Doch gibt es einen Unterschied zwischen dem letzten und dem nächsten Turnier-Gastgeber: Das Regime in Doha war darum bemüht, von seinem autokratischen Charakter, der Ausbeutung und Entrechtung ausländischer Arbeitskräfte sowie den Menschenrechtsverletzungen im Emirat abzulenken.
Trump ist niemand, der Schönfärberei betreibt, der mittels des Sports über die hässlichen Seiten seiner Regierungspolitik und seine aggressiven Absichten ablenken will. Anders als den Kataris und den Saudis geht es Trump nicht um Sportswashing. Seine Allmachts-Fantasien lebt er offen aus.
Vor dem Finale zwischen den USA und Kanada beim Eishockey-Turnier „4-Nations Face-Off“ schrieb Trump auf seiner Media-Plattform „Truth Social“: „Ich werde unsere großartige amerikanische Eishockeymannschaft anrufen, um sie zum Sieg heute Abend gegen Kanada anzuspornen, das mit viel niedrigeren Steuern und viel stärkerer Sicherheit eines Tages, vielleicht schon bald, unser geschätzter und sehr wichtiger 51. Staat werden wird.“ Auch das Weiße Haus gab eine Erklärung ab: „Wir freuen uns darauf, unseren bald 51. Bundesstaat zu schlagen.“ Für Trump sind die derzeitigen Handelskonflikte mit den Co-Gastgebern Mexiko und Kanada kein Problem. Im Gegenteil: Diese würden der WM zugute kommen. Denn sie machten das Turnier viel spannender.
Brandbrief an FIFA-Präsident Infantino: „Angst und Unsicherheit"
90 Gruppen, darunter die bekannten Menschenrechtsgruppen Amnesty International und Human Rights Watch, haben in einem Brief an die FIFA darauf hingewiesen, dass unter anderem die Migrationspolitik der USA gegen die Menschenrechte verstoße. Für die WM 2026 leiten sich daraus konkrete Probleme ab. So heißt es in dem Brief:
„Aktuell gelten pauschale Einreiseverbote gegen zwölf Länder. Darunter befindet sich der Iran, der bereits sicher für die WM qualifiziert ist und zuletzt in einem militärischen Konflikt mit den USA stand. Das Einreiseverbot nimmt Sportler und Trainer zwar ausdrücklich von dem Verbot aus. Doch für Fans aus den betroffenen Ländern bleibt der Weg nach aktueller Lage versperrt.“
Das würde sogar den in diesem Punkt klaren Richtlinien der FIFA widersprechen. Bei Millionen Fans, die aus aller Welt zur WM kommen wollen, würde die repressive Trump-Politik zudem eine „weit verbreitete Angst und Unsicherheit” auslösen, ob sie überhaupt einreisen dürfen und von den Behörden unbehelligt blieben.
Infantino, so ist zu erwarten, bleibt auf seinem unterwürfigen Kuschelkurs gegenüber König Trump. So hat er es auch 2018 in Russland gehalten und 2022 in Katar: Auf die Menschenrechte wurde geschissen, Geld stinkt ja nicht.
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Offener Brief an den DFB zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026
Das WM-Turnier 2026 wird in Kanada, Mexiko und insbesondere in den USA ausgetragen, wo alle Halbfinal- und Finalspiele stattfinden. Das ist für viele aktive Mitglieder der internationalen Fußball-Community ein Problem. Denn in den vergangenen Monaten hat sich die politische Situation in den USA radikal verändert.
Außenpolitisch verletzt die Trump-Regierung das Völkerrecht. Sie bedroht unabhängige Staaten mit Annexion, missachtet internationale Vereinbarungen, verhöhnt den Internationalen Gerichtshof und riskiert durch den Stopp von USAID und USAIDS den Tod von Millionen Menschen. Für ein gemeinsames WM-Turnier ist es zudem dreist, dass die USA einen kalten Krieg gegen die Mitveranstalter des Turniers begonnen haben: mit einer Annexionsdrohung gegen Kanada, Abschottung gegen Mexiko und mit politischem Druck durch einen Handelskrieg gegen beide Staaten.
Innenpolitisch verletzt die Trump-Regierung die demokratische Verfassung und die Menschenrechte, indem sie die Unabhängigkeit und Kompetenz der Justiz missachtet, das Wahlrecht einschränkt, kritische Stimmen in Medien und Universitäten verfolgt, die freie Wahl geschlechtlicher Identität verweigert, Oligarchen wie Elon Musk unlegitimierte politische Macht einräumt und eine menschenfeindliche Migrationspolitik verfolgt.
Die meisten ernstzunehmenden Politikwissenschaftler sehen die Demokratie in den USA schon jetzt als massiv beschädigt an. Der renommierte Harvard-Professor Steven Levitsky schrieb: „Die USA hören gerade auf, eine Demokratie zu sein. Sie rutschen unter Donald Trump in einer Form des Autoritarismus ab.“ Der bekannte Faschismus-Forscher Jason Stanley, der seine Yale-Professur aufgibt, um nach Kanada zu emigrieren, sagte im „Spiegel“: „Es ist Faschismus. Alle Kriterien treffen zu.“ Dies ist besonders besorgniserregend, weil rechte Kräfte in Europa wie die AfD die aktuelle Entwicklung in den USA als Blaupause für ihr eigenes Machtstreben ansehen.
Das WM-Turnier der FIFA wird also zum dritten Mal hintereinander – nach Russland und Katar – in einem undemokratisch regierten Land stattfinden. Erneut versucht eine autokratische Regierung, die Veranstaltung zum eigenen Machterhalt propagandistisch auszunutzen. FIFA und DFB müssen mit Blick auf ihre eigenen Statuten darauf reagieren.
Daher fordern wir:
# Die FIFA muss von der US-Regierung verlangen, ihren kalten Krieg gegen die WM-Mitveranstalter Kanada und Mexiko einzustellen.
# Sollte es seitens der USA zu einem gewaltsamen Annexionsversuch oder einer militärischen Intervention kommen – ob in Kanada, Grönland, Palästina, Panama oder anderswo – muss die FIFA das Turnier 2026 sofort absagen.
# Die FIFA muss die US-Regierung auffordern, entsprechend Artikel 4 des FIFA-Statuts die freie Wahl der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität zu garantieren. Insbesondere muss sie die Zusicherung einholen, dass transgeschlechtliche Fans bei einem WM-Besuch sicher ein- und ausreisen können.
# Den DFB fordern wir auf, sich bei der FIFA für diese Anliegen einzusetzen und entsprechende Anträge einzubringen.
# Der DFB muss alle deutschen WM-Besucher:innen, die in die USA reisen wollen, über das Risiko einer unbegründeten Festnahme, Inhaftierung und Abschiebung informieren.
# Der DFB sollte gemeinsam mit NGOs und Fanorganisationen ein Symposium durchführen, in dem die politische Situation in den USA und ihre Auswirkungen auf die europäische Politik thematisiert werden. Materialien dazu sollten örtlichen Fangruppen und Fanprojekten für eigene Veranstaltungen zur Verfügung gestellt und Referent:innen benannt werden.
Ziel muss es sein, wie schon 2022 auch diese WM zur Stärkung des demokratischen Bewusstseins und der Menschenrechte zu nutzen.
Welche Freunde?
US-amerikanische Entwicklungspolitik
vor der 23. Fußball-Weltmeisterschaft
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das war das Motto der Fußball-WM 2006 in Deutschland. 20 Jahre später wird die Weltmeisterschaft in drei Ländern ausgetragen, die schon untereinander keine Freunde (mehr) sind. Die Aggressionen der Trump-Regierung gegen die Mitveranstalter sind einen eigenen Beitrag wert – hier soll auf einen entwicklungspolitischen Rundschlag verwiesen werden, der sich gegen viele Länder richtet, darunter auch teilnehmende Nationen. So kommen neun Nationalmannschaften in den Endrunden aus Afrika und acht aus Asien.
Gerade in afrikanischen Ländern löste die sofort nach der Machtübernahme erfolgte Ankündigung Elon Musks, USAID aufzulösen, pures Entsetzen aus. Warum?
Die 1961 gegründete Behörde USAID ist (mit der Bereitstellung von 40 Prozent der Gesamtmittel) die weltweit größte Institution, die Entwicklungszusammenarbeit durchführt. Sie hatte rund 10.000 Mitarbeitende und ein Budget von gut 60 Milliarden Euro pro Jahr. Entgegen irrlichternder Vorwürfe politischer Gegner, USAID habe sich auf Themen wie Trans-Comics in Peru fokussiert, wurden mit den Mitteln von USAID Armut bekämpft, Minen geräumt, demokratische Strukturen gestärkt (war das der Fehler?!), Nothilfen in Krisen- und Katastrophenfällen geleistet oder Umweltschutzprojekte implementiert.
Das sofortige Aus von USAID wurde von Richtern gestoppt, als einige Gebäude schon geleert und die bezeichnenden Namen verdeckt worden waren. Zunächst gab es einen 90tägigen „Freeze“ und eine unsichere Zukunft. Das bedeutete in den USA sofort einen finanziellen Tiefschlag für unterstützten Programme und Organisationen, und den Verlust vieler Arbeitsplätze
Während Universitäten und Nichtregierungsorganisationen die möglichen und wahrscheinlichen Auswirkungen der Auflösung von USAID zu beschreiben versuchten, Klagen bei Gerichten eingereicht und Appelle formuliert wurden, amerikanische Mitarbeiter:innen schockiert langer Arbeitslosigkeit entgegensahen, wurde nur eines klar:
Menschenleben haben in der Politik dieser Regierung keinen Wert. Und so informierte Außenminister Marco Rubio den amerikanischen Kongress nun, dass USAID zum 1. Juli aufgelöst wird.
Sechs Millionen Tote…
Die Folgen in den USA sind fast harmlos im Vergleich zu den internationalen Auswirkungen. Der „Spiegel“ berichtete, dass Trump die Mittel für Impfallianz „GAVI“ (u.a. für die Malariabekämpfung) in Höhe von rund 76 Millionen Dollar streicht. Das UN-Aidsprogramm UNAIDS warnt vor einer neuen Aids-Pandemie, wenn die rund 50-prozentige Finanzierung des Programms aus den USA nicht doch noch erfolgt oder wenn nicht andere Geldgeber in die Bresche springen. Exekutivdirektorin Winnie Byanyima prognostiziert zusätzliche 8,7 Millionen Neuinfektionen und 6,3 Millionen Todesfälle in den kommenden vier Jahren! Dabei könnte Gilead Sciences, Inc. (ein Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen aus Kalifornien) mit der Auslieferung seiner HIV-Produkte sogar weiter hohe Gewinne erzielen.
Dabei war eine Institution wie USAID ja nicht durchgängig altruistisch ausgerichtet, sondern gab der US-amerikanischen Wirtschaft Impulse und verschaffte den USA geopolitisch strategische Vorteile. In Lateinamerika zum Beispiel Migrationsursachenbekämpfung und Drogenhandel; in Südostasien waren beispielsweise Programme zur Minenräumung wirkungsvoll im strategischen Wettbewerb mit China! Die FAZ berichtete, die chinesische Regierung „soll nach der Einstellung der Zahlungen aus Washington einer kambodschanischen Organisation mehrere Millionen Dollar zusätzlich für die Minenräumung zur Verfügung gestellt haben.“
Der Menschenrechts-Blog der Universität von Alabama fasst die Folgen sachlich zusammen.