BEITRÄGE
Ausschluss Israels aus der UEFA?
Ausschluss Israels aus der UEFA?
Sondersitzung der Kerngruppe von Fairness United im Dezember 2025: Es geht um den Antrag des irischen Fußballverbands, israelische Mannschaften aus den
Wettbewerben der UEFA auszuschließen. Wie sollen wir uns dazu verhalten? Sollen wir die Forderung unterstützen oder sie zurückweisen? Müssen wir uns überhaupt dazu verhalten?
Wir haben uns seit 2020, als uns der Protest gegen die WM in Katar zusammenführte, immer wieder öffentlich für Menschenrechte im internationalen Fußball starkgemacht. Mindestens monatlich diskutierten wir diesbezügliche Themen, Strategien und Texte. Wir haben klar zu Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und anderen Formen der Diskriminierung im Fußball Stellung bezogen, haben uns – mit Blick auf die Menschenrechte im Gastgeberland
und die Entscheidungsprozessen bei FIFA und UEFA – kritisch zu internationalen Fußballturnieren (EM, WM , Klub-WM) geäußert, haben uns mit den Lieferketten der
Sponsoren auseinandergesetzt, die erbärmlichen Arbeitsbedingungen in der Sportartikelindustrie thematisiert und über Sportwetten geschrieben – aber noch kein Wort über Israel. Dieses Thema kam erst jetzt auf unsere Agenda, befördert von dem Bedürfnis, Haltung zu zeigen und Position zum irischen Antrag zu beziehen (nicht die erste Stimme in diese Richtung).
Und so diskutierten wir mit gegenseitigem Respekt darüber, ob wir uns dieser Forderung anschließen wollen oder nicht. In der Initiative „Nie wieder! Erinnerungstag
im deutschen Fußball“ verankert, haben wir die Grausamkeit der Hamas am 7. Oktober und die folgenden Kriegsverbrechen auf beiden Seiten thematisiert, ebenso
wie den wachsenden und oft aggressiven Antisemitismus auf den unterschiedlichsten Seiten. So intensiv und offen der Austausch war – erstmals sind wir nicht zu einer
Einigung gekommen. Deshalb haben wir uns entschieden, diesen Text zu schreiben, in dem wir euch die beiden Positionen vorstellen wollen, die sich schließlich
herauskristallisierten.
Für einen Ausschluss
Keine Frage: Israel und die jüdischen Gemeinschaften weltweit haben ein historisches Trauma jahrhundertelanger Verfolgung und der Shoah zu tragen. Ein Trauma, das durch das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 auf grausamste Art neu belebt wurde. Und das durch antisemitische Anschläge weltweit – wie zuletzt in Sydney – ständig präsent bleibt.
Keine Frage auch: Israel ist ein durch UNO-Beschluss von 1947 legitimierter Staat. Trotzdem wird seither seine Existenzberechtigung angezweifelt, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Waffen. Ohne seine Armee gäbe es Israel nicht mehr.
Aber auch die israelische Staats- und Armeeführung müssen sich an das Völkerrecht halten. Terror darf nicht mit Terror vergolten werden, weder im juristischen noch im moralisch-ethischen Sinn. Das ist unsere Position. Sonst verabschieden wir uns von der Idee einer funktionierenden Weltordnung und legitimieren das Faustrecht. Kriegsverbrechen, dauerhafte Besetzung fremder Territorien, Folterungen sind in
keinem Fall zu rechtfertigen. Doch solche Taten werden vom israelischen Staat verübt, und zwar nicht nur in Einzelfällen. Politisch Verantwortliche haben erklärt,
dass sie eine teilweise oder auch vollständige Annexion sowohl des Gaza-Streifens als auch des Westjordanlandes anstreben. Illegale Vertreibungen palästinensischer Bewohner:innen durch jüdische Siedler:innen im Westjordanland werden vom Staat
geduldet oder sogar militärisch flankiert.
Die Forderung, Israel aus den internationalen Fußballverbänden auszuschließen oder zu suspendieren, wird unter anderem erhoben vom palästinensischen
Fußballverband, vom irischen Verband, von Amnesty International sowie von Palästina-Expert:innen, die von der UNO bestellt waren. Und auch von einigen
israelischen Intellektuellen wie dem fußballbegeisterten Moshe Zimmermann. Als Gründe werden schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen sowie Verstöße gegen die Verbandsstatuten benannt, die ein aktives Vorgehen gegen jede Form der Diskriminierung verlangen.
Der irische Fußballverband begründete seine Forderung außerdem mit Verweis auf Artikel 7.7 der UEFA-Statuten, wonach Mitgliedsverbände und deren Vereine nicht ohne Genehmigung auf dem Gebiet eines anderen Mitgliedsverbands spielen dürfen. Genau das machen aber schon seit Jahren sechs Vereine aus jüdischen Siedlungen im Westjordanland, die am israelischen Ligabetrieb teilnehmen. Vereine wie der FCAriel aus der viertgrößten Siedler-Gemeinde im Westjordanland spielen meist auf Fußballplätzen, deren Grundstücke laut Human Rights Watch zuvor widerrechtlich
palästinensischen Gemeinden entzogen wurden. Zugleich wird ausländischen Mannschaften von Israel oft die Anreise zu Spielen gegen einen palästinensischen
Verein verweigert.
Das alles klingt als Begründung formal, muss aber vor dem Hintergrund der völkerrechtswidrigen Besatzungen und Annexionsbestrebungen gesehen werden. Eine Vertreterin des palästinensischen Fußballverbandes erklärte dazu: „Fußballclubs in den Siedlungen untermauern den territorialen Anspruch Israels auf
das Westjordanland. Der Sport trägt dazu bei, dass die Verdrängung der Palästinenser kaum noch hinterfragt wird.“ Übrigens wurden auch die FIFA- Sanktionen gegen Russland mit einer ähnlichen Begründung ausgesprochen.
Kritiker:innen einer Ausschlussforderung befürchten, dass eine solche Sanktion antisemitische Haltungen gegen Israel befördern könnte. Oder dass die Forderung
selbst als antisemitisch interpretiert wird. Das mag sein, darf aber nicht dazu führen, dass wir Israels Verhalten anders beurteilen als das anderer Staaten oder uns
scheuen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Völkerrecht und Menschenrechte dürfen nicht unterschiedlich oder taktisch angewendet werden. Das
würde sie relativieren, und wir würden unglaubwürdig, auch im Kampf gegen den Antisemitismus.
Gegen einen Ausschluss
Seit dem 7.Oktober hat sich die Situation für die in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden massiv verschlechtert. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist gestiegen, wofür nicht nur der klassische Rechtsextremismus verantwortlich ist.
Die israelische Armee begeht unzweifelhaft in Gaza Kriegsverbrechen. Unumstritten ist auch, dass die israelische Regierung zumindest in Teilen rechtsextrem und rassistisch ist.
Bei unserer Kampagne gegen die WM in Katar haben wir großen Wert darauf gelegt, dass diese sich nicht gegen die Existenz des Emirats richtet. Ja, auch damals gab es
Trittbrettfahrer, die die Akzente anders setzten als wir, die eurozentristisch oder gar islamfeindlich argumentierten. Nur waren diese keine Gefahr für Leib und Leben von irgendwem.
Das ist im Falle des Gaza-Krieges anders. Denn im Kontext berechtigter Kritik wird auch die De-Legitimierung und Dämonisierung des Staates Israel betrieben. Israel und der Zionismus erscheinen als das Böse schlechthin, von dem wir uns – insbesondere als Deutsche – zu befreien hätten. Ohne empathielos erscheinen zu wollen, ist zu fragen, warum gerade dieser Konflikt ungleich mehr Emotionen schürt als der Genozid des IS an den Jesiden, das Massenschlachten im Sudan, Russlands brutaler Krieg gegen die Zivilbevölkerung in der Ukraine etc.
In einer Situation, wo in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden darüber nachdenken, ob sie in diesem Land noch eine Zukunft haben, ist eine Kampagne, bei der wir nicht den Hut aufhaben, nicht zu verantworten. Denn sie läuft Gefahr, eine Stimmung – wenngleich ungewollt – zu befeuern, die sich zumindest in Teilen nicht nur gegen die Netanyahu-Regierung richtet, sondern gegen die
Existenz des Staates Israel sowie – unter dem Deckmantel des „Anti-Zionismus“ – gegen Jüdinnen und
Juden allgemein. Darüber hinaus wird dies häufig von Angriffen auf die „deutsche Erinnerungspolitik“ begleitet, für die sich viele von uns in den letzten Dekaden
engagiert haben, unter anderem im Rahmen der Initiative von „Nie Wieder!“. Jüngst wurde auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in großen Lettern „From
the River to the Sea“ gesprüht – womöglich nicht von Rechtsextremisten. Von „Schuldkult“ ist nicht mehr nur bei der AfD die Rede.
Wie sehr wir uns darum auch bemühen würden – wir werden das nicht unter Kontrolle bekommen. Und wir müssten uns auch nicht wundern, wenn als nächster
Schritt gefordert würde, die hiesigen Makkabi-Vereine zu boykottieren. Schließlich ist Makkabi eine historisch und ideologisch stark zionistisch geprägte Bewegung.
Die Forderung nach einem Ausschluss oder der Suspendierung israelischer Mannschaften bekommt auch dadurch einen fragwürdigen Zungenschlag, dass der Iran, der sich (wie auch Saudi-Arabien) für die WM 2026 qualifiziert hat, in diesem Kontext überhaupt kein Thema ist. Obwohl das Regime in Teheran von der Vernichtung Israels träumt und mit der Hamas und Hisbollah Proxy-Armeen an den Grenzen Israels aufmarschieren ließ. Der Iran trägt eine Mitverantwortung für den 7. Oktober. Wie auch der Hamas-Financier und -Beschützer Katar. Ein AusschlussIsraels aus den internationalen Fußballverbänden, aber der Iran darf weiter mitkicken
– was ist das für eine Botschaft?
Man kann das als Whataboutism bezeichnen. Und ja, das ist eine Schwäche dieser Argumentation. Vielleicht ist es auch das einzige Argument. Aber in diesem Fall ist es. nicht zu vernachlässigen.
***
Wie gesagt: Es war das erste Mal, dass der ruhige und konzentrierte Austauschuntereinander nicht zu einer Position geführt hat, auf die wir uns alle einigen konnten.
Vielleicht liegt das an der Sache selbst. Wovon wir glücklicherweise weit entfernt sind – und auch das war ein Ergebnis unseres Austausches: Die Gegner:innen des
Ausschlusses werfen den Befürworter:innen nicht Antisemitismus vor und umgekehrt die Befürworter:innen den Gegner:innen nicht die kritiklose Zustimmung zur israelischen Regierungs- und Besatzungspolitik. Das ist in einer Debatte, die mittlerweile hoffnungslos verkorkst ist, nicht wenig.
FIFA-Kriterien für die Auswahl von Gastgeberländern internationaler Sportveranstaltungen
Vorbemerkung: Anlässlich der Klub-WM 2023 in Saudi-Arabien und im Nachgang der WM 2013 in Katar haben wir darüber diskutiert, welche Anforderungen vor allem in Hinblick auf die Menschenrechtssituation an ein Gastgeberland zu stellen sind. Einen ersten Entwurf dazu haben wir mit Vertreter:innen von Menschenrechtsorganisationen diskutiert. Hier lest ihr die endgültige Fassung.
Unter dem Text findet ihr eine Liste von Gruppen, die unser Anliegen und den Kriterienkatalog unterstützen. Bitte schickt uns weiterhin ein Feedback – dass ihr diese Überlegungen für richtig haltet, dass ihr sie im Namen eurer Gruppe mittragen wollt… oder auch, was ihr falsch oder unvollständig findet. Gerne über das Kontaktformular auf der Startseite ganz unten.
Vielen Dank!
Weltweit findet fast jede Woche eine internationale Sportveranstaltung statt. Gastgeber sind in den letzten Jahren verstärkt Länder mit autoritären Regimes. Diese nutzen den Sport, der für friedlichen Wettstreit, für Begeisterung und Leidenschaft, für Völkerfreundschaft steht, um die von ihnen zu verantwortenden Demokratiedefizite und Menschenrechtsverletzungen in ihren Ländern zu überspielen und ihr internationales Renommee aufzupolieren. Mithilfe der Sportereignisse präsentieren sie sich als sicherer, zuverlässiger, leistungsstarker und weltoffener Partner der Weltgemeinschaft. Dieses „Sportswashing“ ist nicht neu (man denke nur an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin), und es findet sich seit je auch im Fußball (z.B. WM 1934 in Italien, 1978 in Argentinien), dem wir leidenschaftlich verbunden sind und auf den wir uns im Folgenden konzentrieren.
Für den Fußballweltverband FIFA scheinen – trotz ihrer 2017 formulierten Ethik-Richtlinien – Demokratiedefizite und Menschrechtsverletzungen keine maßgeblichen Kriterien bei der Auswahl des Gastgeberlandes zu sein. Dafür steht nicht nur die WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022. Sechs der letzten sieben Klubweltmeisterschaften vergab sie an Golfstaaten. Die autoritären Herrscher in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien versprachen nicht nur viel Glanz, sondern vor allem mehr Profit und eine störungsfreie Durchführung der Turniere. Diese FIFA-Politik ruiniert den Fußball.
Wir halten es daher für notwendig, dass FIFA und UEFA „rote Linien“ bei der Vergabe von internationalen Turnieren beachten. Grundsätzlich sollte ein Gastgeberland aktiv Friedenspolitik betreiben, Menschenrechte gewährleisten sowie den Werten von sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und sportlicher Fairness verpflichtet sein. Mit diesen Grundsätzen prinzipiell unvereinbar ist es, wenn Gastgeberländer:
- Menschenrechte, wie sie in der UN-Menschenrechtscharta verankert sind, systematisch verletzen – durch Gesetz, Rechtsprechung, staatliche Repression oder behördliche Duldung
- für die Vorbereitung und Durchführung des Turniers Menschenrechte verletzen, eine schon prekäre Menschenrechtssituation in dem Land noch verschärfen oder Nachhaltigkeitskriterien missachten
- einen völkerrechtswidrigen Krieg führen
- bestimmte Bevölkerungsgruppen gezielt diskriminieren
- soziale Ungleichheit durch gezielte Benachteiligung bestimmter Arbeitsnehmergruppen (insbesondere Arbeitsmigrant:innen) verstärken
- ein Dopingsystem praktizieren oder dulden.
Uns ist bewusst, dass es kein diskriminierungsfreies Land gibt und jedes große Turnier eine ökologische Herausforderung darstellt. Entlang der genannten Kriterien ist zu beurteilen, ob ein Land als Gastgeber geeignet erscheint, welche konkreten Forderungen für die Austragung erhoben werden oder ob ein Land als Gastgeber grundsätzlich abzulehnen ist.
Die Beurteilung darf nicht allein dem verantwortlichen Verband überlassen werden. Zu beteiligen sind Gutachter:innen von einschlägigen nichtstaatlichen Institutionen, etwa Menschenrechtsorganisationen. Auch nach der Vergabe ist die Vorbereitung und Durchführung des Turniers von Unabhängigen zu kontrollieren und bei etwaigen Menschenrechtsverstößen zu sanktionieren.
Fairness United, September 2023
Bisherige Unterzeichner
Schalker Fan-Initiative e.V.
FC Ente Bagdad
Gesellschaftsspiele e.V.
Löwen-Fans gegen rechts
Blau-Weiß statt Braun (KSC-Fans gegen Nazis)
Ulrich-Biesinger-Tribüne e.V. („Die Kurve des FC Augsburg“)
Schwarz-Gelbe Essener e.V. (BVB-Fanclub)
Rot-Blau.com (Fans des Wuppertaler SV)
„Sektion Krönchenstadt“ (Fans Sportfreunde Siegen von 1899 e.V.)
St. POP (Fans des FC St. Pauli)
Evangelische Jugend in Bayern, ej-sport
Projekt Trauer und Fußball
Brennpunkt Orange (Podcast)
BiBaBuze (Buchhandlung, Düsseldorf)
Lotta (Kneipe, Köln)